Weil der Bürger an sich bei 14 Grad und ergiebigem Niederschlag relativ wenig Lust auf Schwimmen hatte, kamen kaum Badegäste in die Mählersbeck. Das war auch ganz gut so, weil die Eröffnung nach nur sechs Jahren Vorlauf und mehr Verspätungen als bei der Deutschen Bahn so plötzlich kam, dass es weder ein funktionierendes Kassensystem noch Pommes gab.
Bis die Sonne wieder scheint – was in Wuppertal ja bekanntlich relativ lange dauert – dürfte das hoffentlich so weit geregelt sein, dass sich die Stadt ganz auf die Suche nach Bademeistern konzentrieren kann, die inzwischen bei uns noch seltener geworden sind als Sonnentage. (Bilder)
Freibad Mählersbeck eröffnet
Ich persönlich habe aus Kindertagen ein etwas gespaltenes Verhältnis zu Bademeistern. Einerseits bekam man von ihnen in der Kleinen Flurstraße ständig einen Anpfiff, nur weil man direkt neben der einer Leiche nicht unähnlich auf dem Rücken im Wasser treibenden Omma mit der geblümten Badekappe eine Arschbombe vom Einer machte. Andererseits nahmen sie die Prüfungen für die Schwimmabzeichen ab, die man auf die Badehose nähen und sich dann wie ein kleiner König im gekachelten Chlor-Kosmos fühlen konnte.
Ich habe erst den Frei- und dann den Fahrtenschwimmer gemacht und mich bei Letzterem damals schon gefragt, warum der so heißt. Es geht schließlich grob gesagt darum, 15 Minuten erfolgreich nicht zu ertrinken, ein bisschen zu tauchen und einen Köpper zu machen. Gefahren bin ich dabei nur mit dem Bus hin und zurück zur Badeanstalt in der Barmer City.
Schon deshalb brauchte ich noch mehr Abzeichen in Form des Jugendschwimmscheins und danach der Totenkopfschwimmer in Schwarz, Silber und Gold. Zum Erwerb der drei Aufnäher mit Skelett-Schädel und gekreuzten Knochen als Bildmotiv wurden Kinder bis zu zwei Stunden ins tiefe Wasser geschmissen und gelegentlich vom Bademeister auf ihren dauerhaften Verbleib an der Oberfläche hin überprüft.
Ich las jetzt, dass diese Prüfungen heute verpönt sind, weil es öfter zu Unterkühlungsvorfällen gekommen ist und man die Symbolik der Abzeichen inzwischen eher kritisch sieht. Da bin ich ganz froh, dass mir die Badehose von 1975 nicht mehr passt ...
Durch unseren Enkel wurde ich jetzt übrigens gewahr, dass sich die Welt der Schwimmabzeichen deutlich erweitert hat und schon kleinste Erfolge im Wasser umfangreich gewürdigt werden. So erhielt ich jüngst ein Foto des kleinen Carlo, auf dem er stolz mit der soeben für ihn in einer privaten Schwimmschule ausgefertigten Urkunde für die Schwimmstufe „Qualle“ posiert.
Abgesehen davon, dass ich das auch nicht viel besser finde als einen Totenkopf, sind die Anforderungen überschaubar: Man muss dafür ausweislich des Dokuments unter anderem blubbern können und „eine Runde Strampelbeine sitzend auf der Nudel“ vorführen. Eine Übung, die in ganz anderen Zusammenhängen als der kindlichen Schwimmausbildung durchaus zu pikanten Missverständnissen führen könnte.
Gleichwohl wurden diese wassersportlichen Früh-Erfolge im Familienkreis gefeiert wie die Goldmedaille von Albatros Michael Groß über 200 Meter Freistil 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Nach Montage des Aufnähers an der Badebuxe ist Carlo bereits heiß auf die nächsten elf in seiner Schwimmschule verfügbaren Trophäen in Form von Frosch, Seestern oder Thunfisch sowie das hochoffizielle Seepferdchen der DLRG, das mittlerweile auch Gesellschaft von Seeräuber und Kroko hat.
Bleibt er erfolgreich, wird seine Badehose demnächst mit Abzeichen übersät sein wie die Uniform eines russischen Vier-Sterne-Generals. Wenn sie voll ist, gehen wir dann bestimmt mal in der Mählersbeck schwimmen. Bis dahin gibt es ja hoffentlich auch Pommes ...
Bis die Tage!