Italienische Passanten wären bei diesem Anblick wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen, weil die Squadra Azzurra es zeitgleich schaffte, die WM-Qualifikation zum dritten Mal in Folge zu verpassen. Für Fußball-Laien: Das ist ungefähr so, als würde bei den Olympischen Winterspielen zwölf Jahre lang kein Skifahrer aus Österreich an den Start gehen.
Das Playoff-Finale hat Italien leider im Elfmeterschießen gegen Bosnien-Herzegowina verloren, weil Torwart Donnarumma dabei in wenigen Sekunden mehr schlechtes Karma auf sein Team lud als Donald Trump in seiner gesamten bisherigen Amtszeit auf die USA: Er wollte nämlich den Notizzettel zerstören, auf dem der bosnische Keeper die Schussbilder der italienischen Schützen notiert hatte. Der war danach dann allerdings überflüssig, weil der Fußballgott nach dieser Unsportlichkeit dafür sorgte, dass die Italiener ihre Elfer im Wesentlichen drüber oder an die Latte schossen.
Seit Dienstag stehen damit alle Paarungen und Gruppen der WM fest, die ich aber noch nicht ganz auswendig kenne, weil bis auf Italien diesmal praktisch alle der FIFA angehörenden Mannschaften teilnehmen und es insgesamt 104 Spiele in fast genauso vielen Ländern gibt, die praktisch rund um die Uhr ausgetragen werden.
Ich bin daher noch am Überlegen, ob ich am 23. Juni sehr früh aufstehe, damit ich um 5 Uhr morgens den Kracher Jordanien gegen Algerien gucken kann, oder lieber vier Tage später wach bleibe und um 2 Uhr nachts das Duell zwischen den großen Fußball-Nationen Saudi-Arabien und Kapverdische Inseln verfolge. Vielleicht spielt auch noch irgendwann in Gruppe Y Lampukistan gegen die Undemokratische Republik Kongo, aber da müsste ich nochmal nachgucken.
Weil der FIFA 48 Teilnehmer sicher auch noch nicht genug sind, qualifizieren sich für die nächste WM wahrscheinlich automatisch alle Länder, in denen Lederbälle käuflich erworben werden können. Dann ist Italien immerhin sicher wieder dabei.
Ich persönlich muss im Zusammenhang mit der WM aber noch viel mehr als ein unerträglich aufgeblähtes Teilnehmerfeld und die Testspiel-Aufstellungen von Julian Nagelsmann verkraften. Mir laufen nämlich immer noch die Bilder von der WM-Auslosung nach, bei der FIFA-Präsident Gianni Infantino einen neuen Weltrekord im Speichellecken aufstellte und Donald Trump den eigens für diesen Zweck eingeführten FIFA-Friedenspreis verlieh.
Das war immerhin nicht unverdient, weil die blondierte Friedenstaube danach lediglich noch Krieg mit Venezuela und dem Iran angefangen, sich ansonsten aber auf vereinzelte Liquidierungen eigener Bürger durch ICE-Truppen beschränkt hat.
Dass Gianni Infantino italienische Wurzeln hat und der vierfache Weltmeister auf diesem Weg zumindest indirekt beim Turnier eine führende Rolle spielt, dürfte meinen aus Sizilien stammenden Friseur auch nicht wirklich trösten. Er war am Morgen vor dem Quali-Finale noch ausgesprochen optimistisch.
Ich werde ihn nachher anrufen und ihm dringend raten, beim Bürgerentscheid über Wuppertals-Olympiabewerbung mit „Ja“ zu stimmen, damit er endlich mal wieder bei einem Großereignis richtig mitfiebern kann. Dass Olympia in Wuppertal eines Tages deutlich wahrscheinlicher sein würde als Italien bei der WM, hätte ich vor 20 Jahren auch noch nicht geglaubt ...
Bis die Tage!