Das waren noch Zeiten – denn um diese Ergebnisse zu erzielen, brauchen moderne Frauen heutzutage 43 Beauty-Produkte aus der Weltraumforschung, diverse YouTube-Skincare-Tutorials und ungefähr so viele Besuche in der Schönheitsklinik wie früher Spezial Dragees im Merz-Döschen waren. Ich weiß übrigens nicht, ob diese Traditionsfirma dem Bundeskanzler gehört, glaube das aber nicht, weil es sonst mit seinen Haaren bestimmt etwas besser aussähe.
Apropos besser aussehen: Das ist heute fast schon von Geburt an unabdingbar, wobei die Fortschritte regelmäßig auf Instagram und TikTok zu posten sind, um gesellschaftlich akzeptiert zu bleiben. Teenager müssen daher inzwischen Körperstellen und Zellen pflegen, von denen Ihre Eltern noch gar nicht wussten, dass es sie gibt.
Entspricht das Ergebnis trotzdem nicht dem von gebotoxten Content-Kreaturen vorgegebenen Schönheitsideal, muss über den einfachen Bestrich mit collagenboostenden Hyaluron-Seren hinaus alles Mögliche gespritzt und implantiert werden, was man früher nur aus dem Chemieunterricht, der Wackelpudding--Werbung oder von Speisekarten kannte. Man bekommt im Restaurant ja kaum noch frittierte Calamares, weil der komplette Vorrat an Tintenfischringen mittlerweile in den Lippen von Influencerinnen und Reality-Sternchen verbaut wird.
Die Eingriffe ersetzen aber natürlich nicht die zwingend erforderliche tägliche Beauty-Routine, bei der so lange am Erscheinungsbild gearbeitet wird, bis es im Prinzip zu spät ist, damit noch irgendwo hinzugehen. Wenn es schneller gehen soll, empfehle ich ein Gesichtsstraffungs-Gerät, über das ich neulich im Fachmagazin „Vogue“ gelesen habe: Es handelt sich um eine Art elektrischen Spachtel, der mit zwei unterschiedlichen Mikrostromtechnologien die Gesichtszüge nachhaltig konturiert.
Sollten selbige den Anwenderinnen angesichts des Preises von 399 Euro entgleisen, gibt es eigens einen SOS-Modus, um kurzfristig die Brauen zu heben, die Lippen zu boosten und einen Effekt zu erzielen, der sich „De-Puffing“ nennt. Mangels einschlägiger Expertise hätte ich das ohne nähere Erläuterung vielleicht als Fachbegriff für das diskrete Verlassen eines Freudenhauses gehalten. Tatsächlich handelt es sich aber um das Reduzieren von geschwollenen Hautpartien, insbesondere im Augenbereich.
Das kann man übrigens auch ohne Mikrostrom mit dem Auftrag eines Wirkkomplex-Gels aus multimolekularen Hyaluronsäuren, Polyglutaminsäure und Peptiden schaffen, das mittlerweile auch Männer gerne im Kampf gegen Tränensäcke applizieren.
Ich weiß gar nicht, wann diese Entwicklung eigentlich angefangen hat. Früher stand uns für die Körperpflege im wesentlichen Duschdas 3 in 1 und Schauma-Shampoo wahlweise mit Ei oder Apfelduft zur Verfügung, während Banner den Achselschweiß bannte. Irgendwann kam dann für Männer AXE-Deo mit Moschusduft dazu, der laut Werbung dazu führen sollte, dass Frauen einem willenlos zu Füßen fallen. In der Praxis klappte das meiner Erfahrung nach aber eher selten.
Die kosmetische Evolution in Form des teuren Schönheitswahns machen übrigens nicht alle mit. Auf der Homepage des gerade laufenden RTL-Dschungelcamps las ich beispielsweise Folgendes über die Beauty-Routine des Kandidaten Stephen Dürr (53): Um Geld zu sparen, benutze er regelmäßig sein eigenes Sperma als Gesichtscreme. Da würde ich dann aber doch lieber etwas mehr ausgeben und die Merz Spezial Dragees nehmen ...
Bis die Tage!