Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Schienenersatzverkehrt

Wuppertal · Das Unwort des Jahres 2026 steht in Wuppertal überraschend frühzeitig fest: „Schienenersatzverkehr“. Dabei handelt es sich um den Versuch der Deutschen Bahn, ihre monatelang nicht nach Wuppertal fahrenden Züge durch Busse zu ersetzen.

Dat war wohl keinen: Ersatzverkehrsbus in einer Hecke in Laaken.

Foto: Sascha Bausen

Das ist natürlich nicht einfach, weil gleichwertiger Ersatz für den deutschen Schienenverkehr ja bedeutet, dass man eine Pünktlichkeitsquote von unter 60 Prozent, rätselhafte Verzögerungen im Betriebsablauf, außerplanmäßige Halte auf offener Strecke und das endlose Warten auf entgegenkommende Züge nachbilden muss. Auch die überaus beliebten umgekehrten Wagenreihungen zu imitieren, scheint selbst mit Gelenkbussen nahezu unmöglich.

Die Bahn gibt sich aber redlich Mühe, auch mit Bussen echtes ICE-Ohjeh-Feeling zu erzeugen, und hat zu diesem Zweck möglichst ortsunkundige Fahrer engagiert, die Sudberg wahrscheinlich nur deshalb nicht für einen Brauereistandort halten, weil sie kein Wort Deutsch sprechen. Mit erfreulich wirkungslosen Schulungen auf ihren Einsatz vorbereitet, bringen selbige am Steuer von laut Bahn in der Farbe „Verkehrspurpur“ gehaltenen Bussen arglose Passagiere ähnlich zuverlässig nicht ans Ziel wie sonst die Züge.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Martin aus Barmen beispielsweise saß diese Woche im Ersatzbus für die Linie RE13, die ihn von Düsseldorf nach Wuppertal bringen sollte. Der augenscheinlich neu eingekleidete und sehr adrette Fahrer sowie dessen augenscheinlich flammneues Gefährt ließen ihn zuversichtlich auf der A46 gen Sonnborn rollen, wo der erste Halt geplant war.

Der gelang im ersten Anlauf allerdings nicht, weil der Pilot zielsicher an der Ausfahrt Vohwinkel vorbeidonnerte, dann aber seinen Fehler wohl bemerkte und an der Ausfahrt Varresbeck wendete. Inmitten des für ihn offensichtlich sehr unvermittelt aufgetauchten größten Autobahnkreuzes Europa verlor er aber auch beim zweiten Anlauf die Orientierung und drohte mit Vollgas weiter Richtung Haan-Ost zu fahren, als Martin eingriff und ihn in letzter Sekunde lautstark zum Abbiegen ermunterte.

Eine Vollbremsung und einen Herzinfarkt später erreichte die überschaubare Busbesatzung den Haltepunkt und bemühte sich zwecks einer möglichst zielführenden Weiterfahrt um intensivere Kommunikation mit dem Fahrer. Obwohl der nur Spanisch sprach, ließ sich immerhin ermitteln, dass der Mann am Lenkrad aus Teneriffa kommt und mutmaßlich völlig problemlos von Puerto de la Cruz nach Los Cristianos, aber eher nicht von Düsseldorf nach Wuppertal fahren kann.

Deshalb stellte sich Martin neben ihn und fungierte für den Rest der Fahrt zur Stadthalle am Johannisberg als fleischgewordenes Navi, das mit Zurufen wie „left“ und „right“ samt passender Handzeichen zur Erleichterung des Herrn von den Kanaren den Weg wies.

Andere Fahrer hatten offensichtlich weniger Glück, rammten daher mit ihren verirrten Bussen in der Kohlfurt Fachwerkhäuser oder rasierten bei einem erfolglosen Wendemanöver im Bereich Laaker Landwehr eine Hecke. Insoweit wäre vielleicht „Schienenersatzverkehrt“ der bessere Begriff für die Bemühungen der Deutschen Bahn, die Zugausfälle zu kompensieren.

Und ich habe auch keinen Zweifel an einer Schilderung, die ich auf Instagram gelesen habe. Da hatte sich nämlich ein Passagier beim Busfahrer erkundigt, ob er nach Wuppertal fährt. Antwort: „Nein, nach Vohwinkel.“

Bis die Tage!