Auf 160 Seiten beschäftigt sich Schneidewind mit seinen Erlebnissen als Seiteneinsteiger in die Wuppertaler Polit- und Verwaltungswelt und leitet daraus Perspektiven zur Weiterentwicklung der lokalen Demokratie ab.
Um die steht es nach seiner Schilderung im Tal ziemlich schlecht. Fest macht er das unter anderem an einem Schlüsselerlebnis, das er als „prägende Episode“ in der Einleitung des Buches schildert. Es geht um das Gespräch mit dem Fraktionsvorsitzenden einer der großen Ratsparteien im Vorfeld von Schneidewinds Wahl zum Oberbürgermeister.
„Es sei ihm wichtig, dass ich gleich am Anfang verstünde, worauf es ankomme, wenn man in der Politik etwas durchsetzen wolle. Ich solle immer zuerst zu ihm kommen, um mit ihm darüber zu sprechen, welche Themen und Anliegen er als Fraktionsvorsitzender auf dem Herzen habe, so etwa ein Aufsichtsratsmandat für einen Parteifreund. Wenn man sich über die Umsetzung solcher Projekte verständigen könne, bräuchte ich mir keine Sorgen um meine inhaltlichen Initiativen machen. Die würde er dann gerne kraftvoll unterstützen. Ihm sei wichtig, dass ich gleich die richtige Reihenfolge lerne.“
Diese Ankündigung bewahrheitete sich dann auch in der Praxis. Schneidewinds Fazit: „In meiner Zeit in der Wuppertaler Stadtpolitik war ich beeindruckt davon, mit welch vielfältiger Fantasie gute inhaltliche Argumente in Zweifel gezogen wurden, um die eigene Interessenslage abzusichern.“
Im Kapitel „Strukturelle Verantwortungslosigkeit in der Lokalpolitik“ geht Schneidewind im Hinblick auf den Stadtrat weiter ins Detail: „In Sonntagsreden wird immer wieder ein hohes Lied auf die ehrenamtlich Engagierten in der Kommunalpolitik gesungen. Es ist tatsächlich ungemein wichtig für das Gemeinwesen, dass sich Menschen vor Ort politisch einbringen. Und man würde sich wünschen, dass noch sehr viel mehr dazu bereit wären. Die Motive für lokalpolitisches Engagement sind jedoch häufig nicht nur selbstlos: So reizen etwa persönliche Wirksamkeitserfahrungen, die im beruflichen Umfeld nicht möglich sind. Oder die Lokalpolitik wird als idealer Einstieg in eine professionelle politische Karriere auf Landes- und Bundesebene betrachtet. Zudem locken attraktive Aufwandsentschädigungen oder die Möglichkeit, eigenen Interessen in der Stadt ein höheres Gewicht zu verleihen. Das sind zwar sicher nicht die Hauptmotive der meisten lokalpolitisch Engagierten, aber es ist wichtig zu wissen, dass die Kommunalpolitik auch davon durchwoben ist. Wenn man darum weiß, kann man sich leichter erklären, warum Akteure nicht bestimmte Ämter loslassen wollen, warum Gremien fachfremd zusammengesetzt sind oder im Stadtrat Entscheidungen fallen, die aus Perspektive des Allgemeinwohls für die Gesamtstadt nur schwer nachzuvollziehen sind.“
Finanzielle Aspekte sind dabei laut Schneidewind durchaus relevant: „Wer in der Lokalpolitik mit Funktionen und Gremienteilnahme Karriere macht, kann auf einen relevanten fünfstelligen Betrag an Aufwandsentschädigungen im Jahr kommen.“
Auch auf die Ratsarbeit färben diese von Schneidewind als „wesensfremde Motive“ bezeichneten Triebfedern nach seiner Lesart negativ ab: „Ich habe mir während der Ratssitzungen oft die Augen gerieben, welche Redeführer in den vorderen Reihen der Fraktionen das Geschehen dominierten – oft mit inhaltlich und rhetorisch wenig überzeugendem Auftritt, aber machtpolitischem Instinkt. In den hinteren Reihen saßen hingegen hochdifferenzierte Köpfe – bis hin zu promovierten Richtern –, die in der Parteihierarchie hintanzustehen hatten.“
Die Kommunalparlamente spiegeln zudem aus seiner Sicht immer weniger einen repräsentativen Schnitt ihrer Stadtgesellschaft wider. Schneidewinds Fazit: „Lokalpolitik wird auf diese Weise zum In-sich-Geschäft, das sich immer mehr von der breiten Stadtgesellschaft entfernt. In-Sich-Geschäft meint die Existenz einer lokalpolitischen Blase von mehreren Hundert Menschen in einer Großstadt, die in der Stadt kaum jemand kennt und die sich im Wesentlichen um sich selbst drehen.“