Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Haben Sie eine Kundenkarte?

Wuppertal · Meine Frau sagt immer, ich soll mich nicht so aufregen. Das ist aber leicht gesagt, wenn man inzwischen bei praktisch jedem Kaufvorgang in jedem Laden an der Kasse gefragt wird, ob man eine Kundenkarte hat.

Na, auch die Karte gescannt?

Foto: VZ NRW/adpic

Um das überall mit „ja“ beantworten zu können, müsste man einen Sherpa mit in die Stadt nehmen, der die ganzen Plastikkarten schultert und sie für einen in die Geschäfte schleppt. Alternativ könnte man sich auch Portemonnaies in der Größe von Übersee-Rollkoffern anschaffen.

Ich habe mich deshalb lange geweigert, an den unzähligen Bonusprogrammen teilzunehmen. Das wird aber immer schwieriger, weil man mittlerweile ohne In- und Outsider-Card, VIP-Shopping-Rabatt-Codes oder Anmeldung zum Freunde-Vorteilsprogramm erstens angeguckt wird, als bräuchte man psychologische Betreuung, und zweitens mehr bezahlt als alle anderen, die ihre Daten im Tausch gegen Preisnachlässe der großen weiten Businesswelt überlassen.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Erfunden haben das Ganze meiner Meinung nach die Fluggesellschaften mit Programmen wie Miles & More. Mit deren Hilfe muss man nur dreimal um die Welt fliegen, um gratis eine Flasche sauren Wein zu bekommen, die man schon immer mal nicht probieren wollte.

Dann kamen Payback und Co., mit denen man immerhin erfolgreicher als mancher Fußball-Bundesligist Punkte sammeln und dann damit irgendwas anstellen kann, das nur meine Frau versteht. Manchmal gibt es auch Payback-Coupons, die man einsetzen kann, um Zehnfach-Punkte zu bekommen. Die sich sollte sich der WSV in seiner aktuellen Situation dringend für die Regionalliga besorgen.

Nach Payback wurden wir von der großen Kartenlawine überrollt. Das führt dazu, dass ich in der Hoffnung auf ein Gratis-Getränk nach der zehnten Bestellung seit neun Jahren die Bonuskarte eines Wuppertaler Biergartens durch die Stadt trage, auf der aber erst zwei Felder abgestempelt sind. Ich war nämlich erst einmal da. Jetzt wird es Zeit, weil die Farbe schon fast weg ist. Und ob ich die 2002 ausgestellte VIP-Karte des Frisörsalons „Timeless Beauty“ auf Koh Phangan bis zum Ausfall der letzten Haare noch einmal einsetzen kann, ist auch fraglich ...

Immerhin kann man inzwischen zahlreiche Karten wieder entsorgen, weil sie digitalisiert wurden und zur App mutierten. Wenn man so eine öffnet, bekommt man Coupons, wichtige Werbenachrichten zum bevorstehenden Shopping-Weltuntergang und irgendwann meistens einen Föhn. Speziell dann, wenn man an der Kasse die App mit dem 20-Prozent-auf-Alles-außer-Tiernahrung-und-schöne-Sachen-Rabattcode öffnen will, es wegen der dicken Ladenwände aber gar keinen Internet-Empfang gibt.

Als Teil der Vorbereitung auf eine Shopping-Tour sollte man sämtliche Apps also schon vorher starten und sich überhaupt umfangreich vorbereiten, um alle Einkaufsvorteile abzuschöpfen. Das kann angesichts der Komplexität der unterschiedlichen Vorteilssysteme („Mit Kundenkarte bekommen Sie beim Kauf eines doppelt so teuren Pullis auf den zweiten 50 Prozent Rabatt“) allerdings bis deutlich nach Ladenschluss dauern. Im Zweifel muss man am Ende in so vielen Apps nach Vergünstigungen suchen, dass man vergessen hat, was man eigentlich kaufen wollte.

Mit der Rundschau ist es zum Glück viel unkomplizierter: Die bekommen Sie auch ohne Kundenkarte gratis und mit kostenloser Verteilung nach Hause geliefert. Sie können also ganz sicher sein, dass Ihr Nachbar sie auch nicht billiger bekommt. Ist das nicht ein gutes Gefühl ...

Bis die Tage!