Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Ausgefallene Wünsche

Wuppertal · Erinnern Sie sich auch noch an die Zeit, als die Menschen in Ermangelung digitaler Kommunikationsmittel Weihnachtskarten hergestellt haben? Für jüngere Leser: Das waren so Klappkartons mit weihnachtlichen Bildchen drauf, auf die man mit der Hand und einem sogenannten Stift Grüße und gute Wünsche an Menschen drauf geschrieben hat, an denen einem menschlich oder geschäftlich etwas liegt.

Ehrliche Arbeit: Weihnachtskarten für die Bewohnerinnen und Bewohner des Johanniter-Stifts.

Foto: Bianka Pohl

Diese Karten wurden anschließend mit der Deutschen Bundespost verschickt und trafen in der Regel sogar dann noch vor Weihnachten beim Empfänger ein, wenn man sie erst Anfang Dezember in den Briefkasten warf.

Die Weihnachtskarte hatte dabei einen ganz entscheidenden Vorteil: Wenn man dem Absender nicht selbst ebenfalls vorausschauend eine geschrieben hatte, war es in der Regel zu spät, um noch kurzfristig zu antworten. Das war zwar ein bisschen peinlich, führte aber auch zu relativ stressfreien Feiertagen.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Inzwischen stehen Weihnachtskarten aber unmittelbar vor dem Aussterben, weil Weihnachtsgrüße heute praktisch ausnahmslos per WhatsApp verteilt werden. Ab 20. Dezember hat mein Handy wegen der pausenlos eintreffenden guten Wünsche täglich mehr Töne von sich gegeben als das Wuppertaler Sinfonieorchester beim Neujahrskonzert.

Besonders heimtückisch sind dabei die beliebten WhatsApp-Gruppen, in denen die Grußhölle losbricht, sobald der Erste einen lustigen Weihnachtsmann, possierliche Rentiere oder Tannenzweig-Emojis verbunden mit den besten Wünschen für ein frohes Fest an alle verschickt. Daraufhin müssen nämlich alle allen antworten und allen anderen ebenfalls alles Mögliche wünschen. Tut man das nicht, fragen sich alle anderen, was alles mit einem nicht stimmt.

Weiter verschärft wird diese Situation, wenn in der Gruppe Leute drin sind, denen man aus ganz persönlichen Gründen gar keine schönen Weihnachtstage, sondern lieber eine Grippe oder überraschenden Schwiegermütter-Besuch wünschen möchte. Denn dann müsste man so was in die Gruppe schreiben wie: „Ich wünsche euch allen auch schöne Feiertage, außer Fritz, Bertha und Dietlinde.“ Das könnte aber später Verwicklungen geben.

Durch den ausufernden Wünsche-Versand kommt man jedenfalls kaum noch dazu, das allseits gewünschte frohe Fest auch wirklich zu feiern. Zumal es ja nahtlos in den Jahreswechsel übergeht, zu dem sowohl im Vorhinein („Guten Rutsch!“) als auch nach Vollzug („Frohes Neues!“) oder sogar retrospektiv („Wünsche guten Übergang gehabt zu haben!“) umfangreich Grüße an alle verschickt werden müssen. Statt lustigen Weihnachtsmännern kommen hier vorzugsweise tanzende Sektgläser und vor allem Raketen-Emojis zum Einsatz – wir brauchen also auch dringend ein Feuerwerks-Verbot für Handys!

Weil ich zudem die Beobachtung gemacht habe, dass die ganzen guten Wünsche ähnlich viel Einfluss auf den Lauf der Welt haben wie die FDP auf die Bundespolitik, habe ich dieses Jahr einfach überhaupt gar keine Grüße verschickt. Passiert ist bisher nichts, außer dass wir genau die wunderbar entspannten Festtage hatten, die uns alle von Herzen gewünscht haben.

Jetzt bin ich die ganze Zeit am überlegen, wo da Ursache und Wirkung liegen ...

Bis die Tage!