Kommentar zur Sauberkeitsdebatte in Wuppertal Wir sind halt nicht in Zürich ...

Wuppertal · Ich legte mich auf den Boden des Bahnsteigs und küsste ihn. Das war 2020 in Zürich, einer Stadt mit Putzfimmel. Bereits vor 100 Jahren sagte der Dichter James Joyce, dass er vom dortigen Boden Minestrone essen könne, weil er so sauber sei. Wie schaffen es die Schweizer, so rein zu sein?

Tomas Cabanis in Zürich am Boden ...

Foto: Wuppertaler Rundschau/privat

Die Antwort: Für die Politik und die Bürger hat das Thema oberste Priorität. Es scheint, als seien ihnen Reinigungsmittel in den Kopf gestiegen. Die Obsession wird an der Geschichte eines Straßenkünstlers deutlich, der mehrmals vor Gericht landete, weil dessen Seifenblasenwasser anscheinend den Boden verunreinigt haben soll. Was für ein Unsinn!

Und damit zurück in unser Tal, wo ich die Scheiben der Schwebebahn, aber niemals den Boden küssen würde. Auch wenn es in den vergangenen Jahren dreckiger geworden ist, muss man feststellen, dass es einst noch viel schlimmer war. Während der Anfänge des Industriezeitalters nannten unsere Vorfahren die Wupper den schwarzen Fluss, den die Fabriken durch Textilchemikalien so verunreinigten, dass kein einziger Fisch mehr in ihm schwamm.

Inzwischen haben sich 32 Arten, unter anderem der Lachs, wieder angesiedelt. Und tatsächlich baute man die Schwebebahn auch, weil die Straßen damals so voller Pferdemist waren, dass das Durchkommen zum Problem wurde. Wie muss es damals gestunken haben! Selbstverständlich sind die damaligen Lebensstandards vollkommen überholt, doch manchmal hilft es, das große Ganze zu sehen.

Nichtsdestotrotz versucht die Stadtspitze, gegen das Problem vorzugehen. Mit ihrer „Sauberkeitsoffensive“ hat Oberbürgermeisterin Miriam Scherff ein weiteres Wuppertaler Problem zur Chefsache erklärt. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als „mehr Putzen“ anzuordnen. Doch sie wird am Müll scheitern, solange einige Bürger kein Problem damit haben, ihn auf der Straße oder im Gebüsch illegal zu entsorgen. Die Abfallsünder im großen Stil zu fassen, wäre in komplett überwachten Staaten ein leichtes Spiel, doch in einem freien Wuppertal utopisch.

Das ist auch der Grund, warum sich viele von Bußgeldern von 100 bis zu 100.000 Euro – falls sie überhaupt Kenntnis genommen haben, dass es sie gibt – nicht abschrecken lassen. Es ist leider eine Tatsache und Kern des ganzen Schlamassels: Eine Stadt kann nur so sauber sein, wie deren Einwohner es sind. Und weil die Stadtreinigung auch bei der Verwaltung nicht an alleroberster Stelle steht, wird es keine Zürcher Verhältnisse geben.

Wobei man zugutehalten muss, dass die für Müll zuständigen Unternehmen AWG und ESW in ihrem möglichen Rahmen saubere Arbeit leisten. Sie kommen nur nicht allen Schmutzfinken hinterher, was schade, aber letztendlich ein Luxusproblem ist. Die Stadt hat vorrangig andere Fragen zu lösen – etwa die nach der Sicherheit im öffentlichen Raum.

Und Wuppertal liegt halt nicht in der Schweiz.