Eine funktionierende öffentliche Toilette ist in Wuppertal inzwischen so selten, dass man sie feierlich eröffnen muss. Wie ein Denkmal oder eine neue urbane Sehenswürdigkeit.
Die sanierte „Löwenzahn-Toilette“ ist ohne Frage ordentlich. Sie ist sauber, unisex, mit hartnäckigem Edelstahl statt Keramik ausgestattet, verriegelt sich selbst und lässt niemanden über Nacht bleiben. All das ist sinnvoll. Und all das ist – nüchtern betrachtet – das absolute Minimum dessen, was eine Großstadt leisten sollte. Dass man dafür applaudiert, sagt weniger über den Erfolg des Projekts als über den dürftigen Ausgangszustand in der Stadt aus.
Das neue Toilettenkonzept klingt auf dem Papier klasse: Über 60 Toiletten im Stadtgebiet, clever vernetzt, größtenteils kostenfrei, dazu eine digitale Toilettenkarte mit Filterfunktion, die beispielsweise anzeigt, wo sich zusätzlich Wickeltische befinden. Theoretisch ist das ein Fortschritt.
Praktisch frage ich mich allerdings, wer davon im Ernstfall profitiert. Wenn ich dringend muss, möchte ich nicht erst mein Smartphone zücken, eine Karte öffnen, Öffnungszeiten vergleichen und feststellen, dass die nächstgelegene Toilette sich in einer Bibliothek befindet, die in zehn Minuten schließt – oder auf einem Uni-Campus auf einem Berg, den ich erst einmal mit voller Blase hochkraxeln muss.
Ich stelle mir dabei zwangsläufig eine ältere Dame vor, leicht inkontinent, ohne Smartphone oder mit leerem Akku. Sie steht in der Innenstadt, die Blase drückt und irgendwo sagt ein Konzept: Kein Problem, es gibt ja über 60 Toiletten. Nur leider keine dort, wo sie gerade steht. Eine digitale Übersicht ist ein nettes Gadget, ersetzt aber keine verlässliche Infrastruktur.
Besonders absurd wird diese Diskrepanz, wenn man den Blick vom Berliner Platz etwas weiter nach Elberfeld schweifen lässt – etwa zum Wupperpark Ost. Dort waren die Zustände in mobilen Toiletten zuletzt so schlimm, dass normale Reinigungskräfte nicht mehr eingesetzt werden konnten. Tatortreiniger mussten übernehmen.
Seit Jahren hangelt sich die Stadt bei diesem Thema von Übergangslösung zu Übergangslösung: Pissoirs ohne Sichtschutz, Toi-Tois, die umgestoßen werden, Container, die mal offen, mal geschlossen sind. Die Toilettensituation wurde bei der Planung zentraler Orte lange schlicht nicht mitgedacht. Und sie wird es auch jetzt nur sehr vorsichtig und mit geringem Budget.
Ich will das Engagement der Projektverantwortlichen ausdrücklich nicht kleinreden. Im Gegenteil: Endlich kümmert sich jemand strukturiert um ein Thema, das sonst gern verdrängt wird. Aber zwischen „gut gedacht“ und „funktioniert im Alltag“ klafft noch immer eine Lücke. Eine sanierte, hübsch bemalte Toilette ist kein Konzept – und eine Karte ist kein stilles Örtchen. Und Statistik hilft niemandem, der gerade dringend muss.
Wuppertal mangelt es nicht an theoretischen Ideen. Das eigentliche Problem ist vielmehr, dass man sich zu schnell darüber freut, überhaupt wieder eine ordentliche Toilette zu haben. Und das ist, ehrlich gesagt, ein ziemlich niedriger Anspruch für eine Stadt dieser Größe.