Kommentar zur Situation am Wiedener Kreuz Viel Papier, wenig echter Fortschritt

Wuppertal · Natürlich geht Sicherheit immer vor. Wenn die Gefahr besteht, dass ein Gebäude einstürzt, muss gehandelt werden. Darüber gibt es am Wiedener Kreuz keine Diskussion.

von Vanessa Ambrosius

Foto: Joachim Schmitz

Was allerdings zunehmend schwerer nachvollziehbar wird: Warum scheint auch Wochen nach Bekanntwerden der Probleme noch immer kein Ende der Geschichte in Sicht? Das Wiedener Kreuz ist keine kleine Anwohnerstraße. Die Kreuzung gehört zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten der Stadt.

Wer regelmäßig im Westen unterwegs ist, weiß, welche Bedeutung sie gerade dann hat, wenn es auf der A46 Störungen gibt oder Ausweichverkehre notwendig werden. Die Sperrung betrifft längst nicht mehr nur die unmittelbaren Anwohner, sondern große Teile des Stadtverkehrs. Man muss kein Verkehrsplaner sein, um zu erkennen, dass eine solche Situation nicht über Wochen hinweg zum Normalzustand werden darf.

Umso mehr überrascht es, dass aus dem Rathaus bislang vor allem die Verwaltung spricht. Von Oberbürgermeisterin Miriam Scherff selbst hat man in dieser für die Stadt bedeutsamen Angelegenheit bislang wenig gehört. Wer eine der wichtigsten Kreuzungen Wuppertals über Wochen lahmlegt und mehrere Familien aus ihren Wohnungen verdrängt, macht aus einem Verwaltungsverfahren längst eine politische Angelegenheit.

Natürlich müssen Gutachten erstellt, Risiken bewertet und rechtliche Verfahren eingehalten werden. Doch der Eindruck drängt sich auf, dass alle Beteiligten inzwischen vor allem damit beschäftigt sind, ihre jeweilige Position zu verteidigen. Die Stadt spricht von einem wirtschaftlichen Totalschaden. Der Eigentümer hält dagegen und kämpft für den Erhalt seines Hauses. Währenddessen bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet: Wie kommt man möglichst schnell zu einer tragfähigen Lösung?

Dabei geht es nicht nur um Verkehr. Hinter Aktenzeichen, Gutachten und Ordnungsverfügungen stehen Menschen. Der Eigentümer kann seit Wochen nicht in sein Haus. Seine Mieter aus dem Nachbargebäude ebenso wenig. Familien wurden aus ihrem Alltag gerissen, persönliche Gegenstände sind unerreichbar, Unterlagen liegen in Wohnungen, die nicht betreten werden dürfen. Für die Betroffenen ist das keine reine Verwaltungsangelegenheit, sondern eine Ausnahmesituation, in der es um Existenzen geht.

Gerade deshalb hätte man sich an der einen oder anderen Stelle mehr Initiative gewünscht. Nicht jeder Mensch, der plötzlich sein Zuhause verliert, denkt als Erstes daran, Anträge zu stellen oder sich durch Zuständigkeiten zu telefonieren. Manchmal wäre es Aufgabe einer Verwaltung, von sich aus auf Betroffene zuzugehen und Hilfe anzubieten.

Am Wiedener Kreuz braucht es jetzt vor allem eines: Tempo, bevor aus Wochen Monate werden.