Kommentar zu Online-Anfeindungen gegen Miriam Scherff Hass ist kein Berufsrisiko

Wuppertal · Es ist ein Satz, der in den vergangenen Jahren erschreckend oft gefallen ist: „Das gehört heute leider dazu.“ Gemeint sind Hassnachrichten gegen Menschen, die in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit stehen.

Oberbürgermeisterin Miriam Scherff.

Foto: Christoph Petersen

Politiker, Promis, Influencer. Beleidigungen, Drohungen und Einschüchterungen stehen vor allem auf Social Media auf der Tagesordnung. Doch je häufiger wir den Satz „Es gehört dazu“ wiederholen, desto gefährlicher wird er, weil er pure Resignation übermittelt – er suggeriert, dass man nichts dagegen tun könne und es deshalb auch gar nicht erst zu versuchen brauche. Dabei gehört es eben nicht dazu.

Wer ein politisches Amt übernimmt, muss Kritik aushalten können. Entscheidungen dürfen hinterfragt, Positionen angegriffen und Mehrheiten infrage gestellt werden. Genau davon lebt Demokratie.

Vanessa Ambrosius.

Foto: Ambrosius

Was aber niemand aushalten müssen sollte, sind sexualisierte Beleidigungen, Morddrohungen oder Gewaltfantasien. Oberbürgermeisterin Miriam Scherff hat letzten Sonntag auf Instagram öffentlich gemacht, dass sich Angriffe dieser Art regelmäßig nicht nur gegen sie selbst, sondern auch gegen ihre Familie richten.

Darüber hinaus hat sie sich gewehrt und nach eigenen Angaben konsequent Strafanzeige erstattet. Denn auch wenn sich viele Täter hinter der vermeintlichen Anonymität des Internets verstecken, handeln sie nicht in einem rechtsfreien Raum. Nicht jede Anzeige führt zum Erfolg, aber wer schweigt und hinnimmt, überlässt den Hass denen, die ihn verbreiten.

Wer eine Frau in einer politischen Position als „Nazischlampe“ oder wegen ihres angeblichen „Nuttenfummels“ beleidigt, dem geht es längst nicht mehr um politische Entscheidungen. Angriffe dieser Art richten sich auffallend häufig gegen Frauen. Auch männliche Politiker werden beschimpft – doch sie müssen sich deutlich seltener sexualisierte Beleidigungen gefallen lassen. Wer Miriam Scherff und ihren Angehörigen Gewalt wünscht, führt keine Debatte mehr und wer Morddrohungen verschickt, möchte auch nicht überzeugen, sondern lediglich Macht demonstrieren.

Deshalb ist es richtig, dass Miriam Scherff diesen Hass öffentlich gemacht hat. Nicht, um Mitleid zu bekommen, wie sie selbst sagt, sondern um sichtbar zu machen, was allzu oft im Verborgenen bleibt.

Menschen des öffentlichen Lebens, die sich politisch oder ehrenamtlich engagieren, müssen heute offenbar damit rechnen, zur Zielscheibe zu werden. Nie war es einfacher, mit wenigen Klicks Tausende Menschen zu erreichen und Einzelne direkt anzugreifen. Wenn wir das aber deshalb als Normalität akzeptieren, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich immer weniger Menschen engagieren. Wer möchte noch für ein öffentliches Amt kandidieren, wenn nicht nur die eigene Person, sondern auch die Familie zur Zielscheibe wird?

Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie Miriam Scherff den Hass nicht stillschweigend hinnehmen, sondern öffentlich machen. Wegschauen hat noch nie dazu geführt, dass ein Problem kleiner wird. Und Solidarität mit ihr bedeutet in diesem Fall nicht, ihre Politik gut finden zu müssen. Sie gilt einem Menschen, der eine Grenze aufgezeigt hat, die uns alle angeht.