Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Dekliniermalschutz

Wuppertal · Es gibt Tage, da beschleicht mich das Gefühl, dass die deutsche Rechtschreibung dringend der Palliativpflege bedarf. Denn ganz offensichtlich halten immer mehr Menschen Orthografie wahlweise für irgendetwas aus dem Sanitätshaus oder für ganz überflüssig.

Symbolbild.

Foto: Monika Schröder

Neulich war wieder so ein Tag. Da las ich nämlich in einer Verwaltungsvorlage für den Stadtentwicklungsausschuss folgenden Satz: „Wuppertal verfügt mit rund 5.000 Denkmäler nach Köln über den größten Bestand in NRW.“ Tz, tz, tz, dachte ich mir, da hat doch jemand glatt ein „n“ vergessen.

Sicher ein Flüchtigkeitsfehler. Bis ich weiterlas: „Arbeiten/Maßnahmen an Denkmäler bedürfen in der Regel einer vorherigen denkmalrechtlichen Erlaubnis.“ Daraus kann man nur folgern: Wir brauchen dringend Denkmalschutz für das Deklinieren. Also quasi Dekliniermalschutz.

Unter Denkmalschutz stehen inzwischen auch die alten Zeiten, in denen öffentliche Dokumente grundsätzlich in aller Regel fehlerfrei waren. An diese Ära dachte ich wehmütig zurück, als mir eine Ausschreibung der Stadt in die Hände fiel. Sie sucht darin gemeinsam mit der landeseigenen Stadtentwicklungsgesellschaft „NRW.URBAN“ einen Investor, der die Zoo-Säle wieder schön macht. Das ist bekanntlich dringend nötig, weil der Klotz von vorne zwar nach großem Kino, von hinten aber eher nach Röhrenfernseher und von innen noch genauso wie bei meinem Tanzschulabschlussball 1980 aussieht. Nur mit mehr Staub in Verbindung mit Einsturzgefahr.

Die Vorfreude auf Besserung fassen Stadt und „NRW.URBAN“ in folgende Worte: „Die Ideen über Nutzungskonzepte von Investoren und Investorinnen für dieses stadtteilprägende Gebäude werden mit Spannung erwartet.“ Ich bin nicht sicher, ob Ideen über Nutzungskonzepte kommen werden, weil es sprachlich genau genommen ja nur Ideen zu Nutzungskonzepten oder für Nutzungskonzepte gibt.

Ein Nutzungskonzept für richtige Bezüge in Sätzen liegt im Fortgang der Ausschreibung leider auch nicht vor, wie folgender Hinweis offenbart: „Der künftige Investor verpflichtet sich, während der BUGA 2031 die Zoosäle so zu präsentieren, dass diese keine erkennbare Baustelle ist.“ Ich vermute an dieser Stelle mal ganz zuversichtlich, dass nicht die BUGA keine Baustelle sein soll, sondern dass die Zoo-Säle gemeint sind. Dafür hätte man dann aber noch ein bisschen an der Formulierung arbeiten müssen.

Ein paar Sätze vorher wäre außerdem der Erwerb einiger zusätzlicher Buchstaben wünschenswert gewesen. Da steht nämlich: „Der Wuppertaler Zoo (...) stellt eine der Hauptsehenswürdigkeit Wuppertals dar.“ Sind die „e“s und „n“s im Zuge der Haushaltskonsolidierung möglicherweise eingespart worden? Oder war in irgendeinem Fördertopf noch ein „der“ über, das nicht verfallen sollte? Oder hat da einfach niemand Korrektur gelesen?

Das könnte man sich auch mit Blick auf den Abschlussbericht zur Kommunalen Wärmeplanung fragen, der jetzt durch alle städtischen Gremien ging. Er umfasst 150 Seiten, auf deren Zielgeraden den hier tätig gewordenen Experten einer Freiburger Energieplanungsfirma offenbar der Rechtschreib-Saft ausgegangen ist. Da stehen dann Passagen wie „Das langfristige Ziele bis 2035, 2040 und 2045 ist ein konsequenter Netzausbau ...“ oder „Auch außerhalb der Wärmenetzeignungsgebiete weisen aufgrund der Tallage Wuppertals viele dicht bebaute Stadtteile eine hohe Wärmebedarfsdichte auf, nicht eindeutig einem zukünftigen Wärmenetz zugeordnet werden konnten“.

Bei dem mutmaßlich nicht geringen Honorar, das die sicherlich technikaffinen Planer für den Bericht bekommen haben, hätte man eigentlich erwarten dürfen, dass sie ihn wenigstens einmal durch die KI schicken, um solche Fehler zu entdecken.

So aber bleiben wir ratlos zurück – mit offiziellen Schriftstücken, bei denen man sich die Einführung von ABC-Klassen für Mitarbeiter der öffentlichen Hand wünscht. Und mit einem deutschen ESC-Beitrag, der noch weniger Punkte gewonnen hat als der WSV in der Regionalliga. Was sind das bloß für Zeiten ...

Bis die Tage!