Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Schwebebahn-Augenblicke

Wuppertal · Sicher fragen Sie sich auch manchmal, ob Sie Ihren Augen noch trauen können. Mir ging das jetzt gleich mehrfach so.

Es gab viel zu sehen entlang der Strecke.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Christoph Petersen

Zum Beispiel als ich neulich durch eine 30er-Zone fuhr und mich ein Schulbus per Lichthupe anblinkte, um mich vor einem hinter ihm lauernden Radarwagen zu warnen. Da diese Zone nicht unwesentlich deshalb eingerichtet wurde, um Schüler vor Autos zu schützen, muss man diesen Vorgang so einordnen, als würde ein Angler die Fische vor den Ködern seiner Kollegen warnen ...

Ähnlich gestutzt habe ich bei der Zeitungsüberschrift „Deutschlands erstes Sauerteig-Hotel eröffnet“. Spontan dachte ich, es handele sich um einen ökologisch besonders wertvollen Bau im Segment des Gastgewerbes. In Wirklichkeit aber bietet hier ein Bäcker Menschen die Möglichkeit an, in der Urlaubszeit ihren Sauerteig bei ihm in Betreuung zu geben.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Weil es Do-it-yourself-Brotbäcker gibt, die Sauerteige jahrzehntelang intensiver pflegen als manches Altersheim seine Bewohner, ist das eine echte Marktlücke. Denn wohin mit dem geliebten Sauerteig, der bei vielen Leuten quasi zur Familie gehört und sogar einen Namen hat, wenn man länger in Urlaub fährt?

Damit er nicht verkümmert, kann man ihn jetzt ins Sauerteig-Hotel bringen und fachkundig bemuttern lassen. Das kostet 20 Euro für die erste Woche und 10 für jede weitere – immerhin deutlich weniger als die zu ähnlichen Zwecken eingerichteten Hundepensionen, wobei man mit einem Sauerteig ja auch nicht Gassi gehen muss.

Kleiner Haken an dem Konzept: Das Sauerteig-Hotel liegt nicht ganz so zentral: Es befindet sich in Kiel, sodass ein Wuppertaler Sauerteig-Besitzer seinen kleinen Schatz entweder fast 1.200 Kilometer transportieren oder ihn per Post in den Norden schicken müsste. Letzteres wäre bei den üblichen Laufzeiten und der bekannten Zuverlässigkeit von DHL allerdings der sichere Sauerteig-Tod ...

Den Höhepunkt des Augennichttrauens erlebte ich allerdings am Sonntag. Da hatten mich die Stadtwerke freundlicherweise zur Premierenfahrt im renovierten Kaiserwagen eingeladen, wozu man als Lokalpatriot natürlich nicht „nein“ sagen kann und will. Es war wirklich ein wunderbares Erlebnis. Ich hatte schon fast vergessen, was für eine schöne Rundum-Sicht man aus den großen Fenstern des roten Schätzchens hat, auch wenn an einigen Streckenabschnitten angesichts der Kulisse vielleicht Schießscharten die bessere Option wären.

Das wurde mir spätestens klar, als die sehr nette Stadtführerin, die während der Fahrt jede Menge Wuppertal-Dönekes erzählte, auf Tuffi zu sprechen kam. An der Stelle des weltberühmten Elefanten-Sturzes in die Wupper empfahl sie passend dazu einen Blick nach unten ans Ufer. (Video)

Da gab es tatsächlich etwas ganz Besonderes zu sehen. Allerdings fielen weniger das gute alte Tuffi-Gemälde von Erika Nagel oder der Tuffi-Störstein ins Auge, sondern eher eine ziemlich nackt auf der Berme im sonnenbeschienenen Gras liegende Dame, die mit dem Tuffi ihres Begleiters beschäftigt war ...

Ich wollte am liebsten meinen Augen nicht trauen, aber unser Fotograf hat es leider auch gesehen. Was soll’s: Dieses Jahr sind wir eben wirklich alle Schwebebahn – oder wenigstens aus ihr zu sehen. Egal, was wir gerade machen.

Bis die Tage!