Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Das Wuppertal-Syndrom

Wuppertal · Haben Sie schon mal vom Paris-Syndrom gehört? Nein? Ich auch nicht, bis mir diese Woche eine Kollegin davon erzählte. Es handelt sich dabei um die seltene Form einer psychischen Krise, in die fast ausschließlich japanische Touristen stürzen, wenn sie die französische Hauptstadt besuchen.

Die Wuppertaler Gastronomin Alexandra Wende lernte in Paris.

Foto: Sabina Bartholomä

Auslöser ist offensichtlich eine Art Kulturschock angesichts des tatsächlichen Alltags-Erscheinungsbildes von Paris, das nicht richtig zur Erwartungshaltung der Touristen aus Fernost passt.

Durch schöne Bilder auf Instagram und romantische Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ stellen sie sich Paris offensichtlich als eine Art monumentales Freilichtmuseum aus dem 19. Jahrhundert vor, das ausschließlich von wunderhübschen verliebten Paaren bewohnt wird, die rund um die Uhr knutschen, elegante Modenschauen besuchen und mit einer Jugendstil-U-Bahn in luxuriöse Cafés fahren, wo sie zauberhaft knusprige Croissants in riesige Kaffeetassen tunken, die in Japan als Reisschüsseln durchgehen würden.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

In der Realität treffen sie dann auf eine aus allen Nähten platzende Großstadt mit unfreundlichen Menschen, die jeden nicht französischsprachigen Gast für eine niedere Lebensform halten, einer verstopften Metro und Preisen für die zauberhaften Croissants, die man in Japan höchstens für ein Steak vom Kobe-Rind bezahlt.

Das löst offenbar bei bis zu 100 Menschen pro Jahr besagtes Paris-Syndrom aus, dass sich in Form von Schwindel, Schwitzen und Herzrhythmusstörungen, aber auch von Wahnzuständen und Halluzinationen äußern kann. Es wird sogar (kein Witz!) von einem Mann berichtet, der sich plötzlich für Ludwig XIV hielt.

Der japanischen Botschaft macht das richtig Arbeit: Für ein Viertel der Betroffenen muss sie die sofortige Heimreise organisieren, aus dem Jahr 2011 wird von dechs Fällen berichtet, in denen der Rückflug nur mit medizinischer Betreuung möglich war.

Das bringt mich zur Frage, ob so etwas in Wuppertal auch passieren könnte. Schließlich versenden Reise-Influencer aus aller Welt von hier ebenfalls permanent betörende Bilder einer offenbar total hippen Stadt, durch die hübsche Menschen mit einer stylischen Hängebahn gleiten und aus Panoramafenstern auf liebliche Flusslandschaften gucken, ehe sie an einer der architektonisch spektakulären Haltestellen aussteigen, um durch ein Viertel mit Villen zu schlendern, in denen ausschließlich Multimillionäre mit Aufsitzrasenmähern zu wohnen scheinen, die abends in schwarze Rollkragenpullover gekleidet elfengleichen Wesen eines weltberühmten Tanztheaters zujubeln.

Ausländische Gäste, die davon angelockt versehentlich am Berliner Platz oder am baufälligen Schauspielhaus landen, könnten ebenfalls kurzfristig Betreuungsbedarf durch ihre Botschaft haben.

Um diesem Wuppertal-Syndrom vorzubeugen, schickt die Rundschau in den nächsten Wochen selbst eine Besucherin aus Österreich los, die testet, wie Wuppertal auf internationale Touristen wirkt. Sollte sie sich aber plötzlich für Mina Knallenfalls oder den Grafen von Berg halten, müssen wir das Experiment aus medizinischen Gründen abbrechen ...

Bis die Tage!