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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Schaunichtreinfensterbummel

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Schaunichtreinfensterbummel

Neulich habe ich mich tierisch erschrocken. Ich war gerade in der Elberfelder Fußgängerzone ganz arglos von der Herzogstraße in den Wirmhof geschlendert, als mich zwei Radfahrer mit einer Geschwindigkeit überholten, die ich bisher nur von den Entscheidungen im Vierer-Mannschaftssprint bei den olympischen Bahnrad-Wettkämpfen kannte.

Bevor sie mit mehr als 45 Grad Schräglage nach links ins Mäuerchen donnerten (ich meine damit nicht eine Wand, obwohl sie bei dem Speed auch gut dort hätten landen können, sondern die gleichnamige Gasse), erspähte ich auf ihren Rucksäcken noch in letzter Sekunde den Schriftzug „Flink“.

Die Stuntmänner auf Rädern gehörten also offenbar zum gleichnamigen neuen Lieferdienst, der jetzt gleich um die Ecke am Wall aufgemacht hat. Aufgemacht ist dabei eigentlich nicht das Wort der Wahl, weil sich der Laden komplett hinter Milchglasscheiben versteckt. Dieses Prinzip kennen wir von Spielhallen, Wettbüros und Sex-Shops, die gerne verborgen halten, was oder wer im Inneren vor sich geht. Die Maskerade überrascht etwas, weil „Flink“ eigentlich ein harmloser Dienstleister ist, der verspricht, Supermarkt-Artikel aus seinem Online-Shop innerhalb weniger Minuten nach Hause zu liefern. Ich vermute also, dass sie hinter den trüben Scheiben ihre Radkuriere dopen, damit sie schneller fahren können.

 Zielgruppe dieser soeben wie Pilze aus dem feuchten Waldboden schießenden Lieferdienste sind offensichtlich Menschen, die EDEKA für ein japanisches Brettspiel halten und sowieso keine Zeit zum Einkaufen hätten, weil sie mit der Fott an ihrem Gaming-Stuhl vor dem Computer festgewachsen sind. Von denen gibt es immer mehr, weshalb ein paar Meter weiter den Wall rauf gleich noch so ein Lieferdienst eingezogen ist:

  • Auch der Kerstenplatz soll aufgewertet werden.
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  • Um diese Steine geht es.
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  • Claudia Wulfhorst und Knut Keßler von
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Die „Gorillas“ haben ihre Scheiben ebenfalls sorgfältig zugeklebt und laden damit genauso herzlich wie Konkurrent „Flink“ dazu ein, nicht mehr in die Stadt zu gehen und zu shoppen. Noch so ein paar Qualitätsansiedlungen mehr, dann können wir in Elberfeld demnächst sehr schön zum Schaunichtreinfensterbummel gehen.

Nun meine ich mich zu erinnern, irgendwann mal was von einer „Qualitätsoffensive Innenstadt“ gehört zu haben, mit der die Wuppertaler Verwaltung für blühende Landschaften in der City sorgen wollte. Diese Offensive erscheint ähnlich durchschlagskräftig wie die von Greuther Fürth in der Fußball-Bundesliga und hat bisher vor allem zu Leerständen und einem Von der Heydt-Platz geführt, auf dem man sich zwischen einem überwiegend inaktiven Wasserspiel und einer noch nicht gelieferten goldenen Bank immer schon mal nicht aufhalten wollte.

Daran musste ich auch denken, als ich neulich einem politischen Gremium beiwohnte, in dem die Mitarbeiterin eines Berliner Raumplanungsbüros ihr Konzept für die Neugestaltung der Poststraße vorstellte. Ich hatte schon bei den ersten Sätzen kein so ganz gutes Gefühl im Hinblick auf die Wuppertal-Kompetenz der Vortragenden. Man wolle sich nämlich am Gestaltungskonzept des Döppersbergs orientieren, erklärte sei. Dieses Projekt würden die Zuhörer ja vielleicht kennen, es sei doch bestimmt schon mal in dem Gremium vorgestellt worden ...

Danach erzählte sie eine Dreiviertelstunde lang davon, was an der Poststraße alles nicht geht. Kurz zusammengefasst gibt es neues Pflaster, Lampen über der Straße, kein nennenswertes Grün, weil da so viele Leitungen liegen, und einen Brunnen an der Stelle, wo er früher schon mal überflüssig war. Immerhin ist ein brauchbares taktiles Leitsystem für Sehbehinderte und Blinde vorgesehen, das allerdings in den Seitenstraßen plötzlich endet und nicht bis zur Haltestelle an der Morianstraße führt, wo selbige vorzugsweise aus dem Bus steigen.

Das Stück dazwischen gehört nämlich nicht zum Planungsbereich, so dass die Blinden und Sehbehinderten in der Fußgängerzone zwar willkommen sind, dort aber nie hinfinden werden. Wenn es da aber ohnehin bald nichts mehr zu kaufen gibt und man permanent von flinken Gorillas über den Haufen geradelt wird, verpassen sie immerhin auch nicht allzu viel ...

Bis die Tage!