Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Weltklokulturerbe

Wuppertal · Liebe Leserinnen und Leser, ich habe gerade frei und deshalb schnell im Archiv gekrost, damit es heute trotzdem was zu Lachen gibt. Dabei stieß auf ein schonungsloses Selbstexperiment aus dem Juni 2008, das mich bis heute nachts schweißgebadet aufwachen lässt. Mehr als das Klo zu sperren, um das hier geht, ist der Stadt Wuppertal leider in den folgenden 13 Jahren nicht gelungen ...

 Roderich Trapp.

Roderich Trapp.

Foto: Max Höllwarth

Halten Sie sich die Nase zu und begleiten Sie mich auf eines der letzten großen Abenteuer unserer Zeit: Wir besichtigen heute das unterirdische Klo auf dem Neumarkt. Und wir müssen uns beeilen. Denn diese Woche wurde in der Bezirksvertretung Elberfeld bekannt, dass diese öffentliche Toilette wegen Einsturzgefahr geschlossen werden muss.

Sie, liebe Leserinnen, dürften ja eigentlich gar nicht mit. Auf dem Schild über der Treppe hinab in die dunkle Abort-Gruft steht nämlich „Männer“. Aber das kann man nicht mehr richtig lesen, weil irgendjemand einen DHL-Aufkleber drüber gepappt hat. Als kleiner Trost ist das überflüssige Schild mittags bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad von innen beleuchtet. Wir haben es ja!

So, jetzt dicht zusammenbleiben und vorsichtig die Treppe runter. Der fröhliche Lärm weicht augenblicklich einer dumpfen Finsternis. Ihnen schießen jetzt Worte wie „Massengrab“, „Weltkriegsbunker“ oder „Seveso“ durch den Kopf? Ich habe doch gesagt: Nase zuhalten!

Der Eingang erinnert irgendwie an das Entrée des Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen, ist nur etwas weniger heimelig. Wenden wir uns also gleich nach rechts in den Raum mit der langen, im 90-Grad-Winkel angebrachten Pissrinne aus Edelstahl. Wobei „edel“ eigentlich nicht das Wort der Wahl ist. Sicherheitshalber halten wir zudem reichlich Abstand von der vierschrötigen Gestalt, die unter Hervorbringung beunruhigender Grunzlaute ihr Frühstücksbier der Kanalisation überantwortet.

Während wir so an der Rinne stehen, fällt unser Blick auf eine informative handschriftliche Notiz: Die Inhaberin einer hier nicht genannten Handynummer teilt mit „Stute wieder da!“ Das wird vor allem den Schimmel an der Decke freuen. Ob er angesichts seines mutmaßlichen Alters mit der Stute noch etwas anfangen kann, bleibt abzuwarten …

So viel Zeit haben wir aber nicht und wandern deshalb einen Raum weiter. Hier sind drei Toilettenkabinen, deren nähere Untersuchung angesichts des Feuchtbiotops auf dem Fliesenboden leider ausfallen muss, weil einige Teilnehmer unserer Expedition leichtsinnigerweise Flip-Flops angezogen haben.

Dafür erregt eine geheimnisvolle Tür rechts von uns unsere Aufmerksamkeit: „Kein Zutritt. Bitte klopfen.“ warnt ein handgemaltes Schild vor den Gestalten, die sich ausweislich bedrohlicher Schmatzgeräusche ganz offenkundig dahinter aufhalten. Was ist das? Rumpelstilzchens letzte Zuflucht? Bat- mans Umkleidekabine? Nein, hinter dieser Türe können eigentlich nur durch jahrelange Nichtreinigung lebendig gewordene Klobürsten lauern, die jüngst zum ersten Mal in ihrem Lemurendasein einen Lichtstrahl auf ihren verklebten Augen blitzen gesehen haben, als Würstchen-Müllers Imbisswagen aus statischen Gründen von den Glasbausteinen über ihren verkrusteten Köpfen entfernt wurde.

Das Schmatzen wird lauter. Und wir fliehen in heller Panik, purzeln auf dem rutschigen Geläuf übereinander, stoßen uns an dem Handwaschbecken im Vorraum, das bei näherem Hinsehen auch keine nachhaltige Verbesserung des persönlichen Hygienezustands verspricht, und bleiben dann – Klobürsten hin oder her – doch noch einmal wie angewurzelt stehen: An der Stirnwand des Ausgangs haben zahllose Menschen schriftlich fixiert, wo in Elberfeld wer wann was in welcher Form in wen reinstecken kann. Und gegenüber hat irgendein Spaßvogel ausgerechnet den legendären Tweety auf eine blinde Fensterscheibe des unterirdischen Angstraumes geklebt. Das kleine gelbe Comic-Küken wird schwere frühkindliche Schäden davontragen, wenn es das den ganzen Tag lesen muss …

Also stolpern wir mit letzter Kraft die Treppe hoch zurück an die Sonne und lehnen uns schnaufend als Geländer. Aber bitte nicht zu fest, denn das fiese Gitter mit dem Grünspan und dem Rost dran steht unter Denkmalschutz! Auf den Gedanken kommt man erst gar nicht, weil es irgendjemand mit vier hässlichen Stromkästen getarnt hat. Aber Fakt ist: Es muss als Denkmal erhalten bleiben, selbst wenn der Abort-Abgrund, dessen Eingang es markiert, längst zugeschüttet ist. Das pelzige Geländer wird also ewig dort stehen – als ein unverwüstliches Monument historischer Toilettenkunst, ein Stück Weltklokulturerbe, das dem Betrachter angesichts der jüngsten Misserfolge unserer Stadt beim Zukunftsfähigkeitsranking irgendeines Schlauberger-Instituts zuzurufen scheint: Willkommen in Wuppertal – hier sind Sie am A …

Bis die Tage!

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