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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire​: Morbus PISA​

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Angst vor Morbus PISA

Passend zum Namen ist Deutschland bei der aktuellen PISA-Studie in Bildungs-Schieflage geraten. Bei der Lesekompetenz und in Mathematik und Naturwissenschaften haben unsere Schüler so schlecht abgeschnitten wie noch nie.

Immer mehr von ihnen glauben, dass die Differentialrechnung von Autowerkstätten ausgestellt wird und der Satz des Pythagoras: „Brudi, für Rechnen happ ich Smartphone“ lautet.

Das hat allerdings niemanden wirklich überrascht. Bis auf die Bildungspolitiker, die sich beruflich damit beschäftigen, das Leistungsniveau deutscher Schüler systematisch weiter zu senken. Diese Aufgabe ist übrigens nicht zu unterschätzen, weil Deutschland ja schon bei der ersten Studie 2001 so lausige Ergebnisse hatte, dass die kaum noch zu unterbieten waren. Jetzt sind jedenfalls alle überaus bestürzt und fordern energisch Konsequenzen. Man könnte zum Beispiel die Prüfungsanforderungen senken, dann werden die Resultate automatisch besser.

Ich persönlich mache mir Sorgen, dass die fehlende Lesekompetenz ansteckend sein könnte. Ich sitze nämlich schon seit Stunden vor einem Satz, den ich in einer Drucksache der Stadt Wuppertal gefunden habe, und verstehe ihn einfach nicht. Jetzt habe ich Angst, dass mich ein 15-Jähriger mit Morbus PISA infiziert haben könnte.

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Der fragliche Satz stammt aus einem Bericht, in dem das Gebäudemanagement die Politik über seinen derzeit laufenden Umstrukturierungsprozess informiert. Bekanntlich waren die Experten für Bau und Betreuung der städtischen Immobilien in der Vergangenheit so erfolgreich, dass ihnen jetzt eine Unternehmensberatung erklären muss, wie man Immobilien baut und betreut. Und der Stand dieser Bemühungen wird in der Verwaltungsdrucksache VO/1269/23 wie folgt zusammengefasst: „In Folge der Veränderungen resultiert die Notwendigkeit und der Wunsch eines einheitlichen Identitätsprozesses für das GMW.“

So ratlos wie angesichts dieser wenigen Worte war ich zuletzt in der Schule beim Lesen 16 Meter langer Bandwurmsätze des Philosophen Arthur Schopenhauer, der seinerseits aber selbst als Superhirn Probleme gehabt haben dürfte, das Wuppertaler Gebäudemanagement zu verstehen. Denn was will es uns nur sagen? Wie resultiert man etwas in Folge der Veränderungen? Was unterscheidet den einheitlichen Identitätsprozess von einem uneinheitlichen? Und was soll ein Identitätsprozess überhaupt sein? Will das Gebäudemanagement nicht mehr sächlich, sondern lleber ein Mann oder eine Frau sein? Oder gibt der Identitätsprozess vielleicht die Antwort auf Richard David Prechts berühmte Frage „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Und wieso gibt es beim GMW so viele Probleme, wenn sich Wunsch und Notwendigkeit doch hier auf so wunderbare Weise ergänzen? Ich kann es Ihnen beim besten Willen nicht erklären.

Entweder übersteigt der Satz also meine bescheidene Auffassungsgabe, der ich ja nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg der Worte bin. Oder ich habe tatsächlich Morbus PISA und kann nicht mehr lesen. Oder – diese Möglichkeit sollte man vielleicht nicht gänzlich außer Acht lassen – es handelt sich schlicht um gequirlten Unsinn, den man gar nicht verstehen kann, weil da jemand etwas ausdrücken wollte, das er selbst nicht versteht ...

Die komplette Nonsensierung von Inhalten wäre eigentlich nur die logische Steigerungsform des Beamtendeutsch, das mit Substantivierungen und Verschraubungen so lange an normalen Begrifflichkeiten schraubt, bis kein Mensch mehr durchblickt. Ungeschlagen ist dabei für mich bis heute das „raumübergreifende Großgrün“. So nennen Beamte einen Baum. „Personenvereinzelungsanlagen“ (Drehkreuze) und „nicht lebende Einfriedungen“ (Zäune) kenne ich auch schon länger. Neulich habe ich aber wieder was dazugelernt, als ich in einer weiteren Drucksache der Wuppertaler Verwaltung den Hinweis fand, dass an einer bestimmten Stelle Vorrichtungen für den ruhenden Fußverkehr geplant seien. Falls Sie das nicht verstehen: Die wollen da Sitzbänke aufstellen ...

Bis die Tage!