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Nach Toreschluss - Wochenendsatire​: KI = Kabätzige Intelligenz​

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : KI = Kabätzige Intelligenz

Eine Ur-Wuppertalerin mit solidem Stammbaum vom Rott erzählte mir neulich, dass sie in eine Diskussion mit einer Verkäuferin verwickelt worden sei. Und dabei sei die Ölsche dann kabätzich geworden.

Auf diese Weise habe ich wieder ein neues Wort kennengelernt, das mir in meinen bisher knapp 60 Jahren im Tal noch nie begegnet ist. „Kabätzich“, ließ ich mich von der kundigen Rotterin belehren, bedeute selbstverständlich so viel wie „kratzbürstig“ oder „frech“ und sei speziell im mancherorts kundendesorientierten Wuppertaler Einzelhandel durchaus häufiger anzutreffen.

Wieder was gelernt. Meistens ist es allerdings umgekehrt: Obwohl ich als Köttel zu Hause nicht mal „wat“ und „dat“ sagen durfte, halten mich viele Leute für eine Art Wuppertaler Platt-Lexikon und fragen mich nach Begriffen, die sie irgendwann mal aufgeschnappt haben. Meistens kann ich da nicht wirklich weiterhelfen, liebe aber viele der Wörter, die auf diese Weise ins Spiel gebracht werden.

Neulich wollte beispielsweise jemand wissen, ob ich vielleicht schon einmal die Formulierung „er stont da für sin Döppen alleen“ gehört hätte. Hatte ich nicht, genauso wenig wie mir je ein „staatsen Drietwatdrop“ begegnet ist, nach dem ich auch gefragt wurde.

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Den „staatsen Drietwatdrop“ könnte ich mir ja noch irgendwie zusammenreimen, weil der Begriff „stief Staats“ für vornehm angezogen durchaus überlebt hat und und auf irgendwat drieten - sprich (Kinder: weghören!) drauf scheißen – hat sich auch noch gut gehalten. Ein staatser Drietwatdrop könnte also ein vornehmer Mensch sein, dem der Rest der Welt am Hintern vorbeigeht oder so ähnlich.

Nun habe ich neulich entdeckt, dass in solchen Fällen mundartlicher Ratlosigkeit möglicherweise auch künstliche Intelligenz helfen kann. Und zwar in Form einer Internetseite namens „mr-dialect.com“, die online Begriffe aus allen möglichen Dialekten ins Hochdeutsche übersetzt. Unglücklicherweise stehen dabei als Ausgangssprachen zwar sogar Allgäuerisch und Saterfriesisch (für die Kategorie selbst braucht man auch schon eine Übersetzungsmaschine) zur Verfügung, Barmer oder Elberfelder Platt sind aber nicht vorgesehen. Ich gab deshalb „Drietwatdrop“ probehalber bei Ruhrpottdeutsch ein und bekam als Ergebnis „Kackfresser“ raus, was ich für eher abwegig halte.

Das Programm wies mich allerdings auch darauf hin, dass der Begriff „Kackfresser“ möglicherweise beleidigend wirken könnte. Für künstliche Intelligenz ist das erstaunlich sensibel. Mr Dialect selbst ist also immerhin kein Drietwatdrop.

Ich beschloss, das Programm näher zu testen und gab eine bei uns noch ganz gebräuchliche Formulierung wie „mönkes mau“ ein, von der wir alle noch wissen, dass damit sowas wie „mungerecht“ oder „auf dem Silbertablett serviert“ gemeint ist. Mr. Dialect hält „mönkes mau“ allerdings bei der Übersetzung aus dem Ruhrpottdeutsch für eine „Mönchskapuze“ und aus dem Westfälischen für einen „Besserwisser“, was der Beweis dafür ist, dass es sich bei ihm selbst eher um einen Schlechterwisser handelt.

Das sieht man auch an einem meiner erklärten Wuppertaler Lieblingsworte, nämlich dem guten alten „Klinkefister“. Dabei handelt es sich nach allgemeinem Verständnis um einen klassischen Korinthenkacker, der sich an kleinsten Fehlern hochzieht und an allem etwas auszusetzen hat. Ich gab ihn also bei Mr. Dialect ein und wählte mangels Wuppertaler Option eine angrenzende Sprachfamilie. Ergebnis: „Eine mögliche Übersetzung für Klinkefister aus dem westfälischen Dialekt ins Hochdeutsche könnte sein: Türklinkenwichser oder Türklinkenlutscher“.

Danach habe ich das Ding abgeschaltet. Es wurde mir irgendwie zu kabätzich ...

Bis die Tage!