Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Infrastrukturförderabgabe

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Infrastrukturförderabgabe

Mir fällt gerade auf, dass ich diese Glosse ständig mit dem Satz „Irgendwie gerät die Welt immer mehr aus den Fugen“ beginne. Heute auch schon wieder. Das ist kein gutes Zeichen.

Aber ich kann nicht anders, weil ich diese Woche ein neues Wort gelernt habe: Zugteilausfall. Dabei handelt es sich nicht um den technischen Ausfall wichtiger Teile in einem Zug, sondern um einen Zug, der gar nicht da hinfährt, wo er eigentlich hin soll. Im vorliegenden Fall ging es um den durchgehenden Intercity von Wuppertal nach Leipzig, der mir besonders am Herzen lag, weil ich selbst drin saß. Ungefähr in Dortmund teilte man den Passagieren mit, dass dieses Fahrzeug leider für eine andere Strecke benötigt werde und die Fahrt nach Leipzig daher in Hannover ersatzlos enden werde. Sollten durch diesen Zugteilausfall Unannehmlichkeiten entstehen, entschuldige man sich.

Nun ist es tendenziell schon eine leichte Unannehmlichkeit, wenn man statt wie geplant in Auerbachs Keller in einer Raucherkneipe am Hauptbahnhof Hannover landet. Das ließ ich auch den freundlichen Zugkellner wissen, der sich aber nicht für zuständig erklärte, weil er als Mitarbeiter eines Catering-Subunternehmers der Bahn nur Einfluss auf die Ankunft von Kaffee bei den Passagieren, aber nicht auf deren eigene Ankunft am Zielbahnhof habe.

Gleichwohl sei der Zugteilausfall aber eine häufige Komplikation auf seinen langen Fahrten - und er habe auch eine Erklärung dafür: „Das Problem“, sagte der Mann im Stile eines großen Philosophen, „sind immer die Menschen. Die Menschen sind alles Schuld. Deshalb wäre ich lieber ein Hund. Dann würde ich immer Würstchen zugesteckt bekommen und andere Leute würden die Steuern für mich zahlen ...“

Den aktuellen Zustand unserer Welt hätten auch Sokrates, Schopenhauer oder Loriot nicht besser beschreiben können.

Man muss übrigens Wuppertal gar nicht unbedingt verlassen, um dem Zugteilausfall eng verwandte neue Wortschöpfungen kennen zu lernen. Denn Sie haben ja auch bestimmt auch schon davon gehört, dass Wuppertal jetzt eine Infrastrukturförderabgabe erheben will. Das hört sich so an, als sollten demnächst Lastwagenfahrer pro Fahrtkilometer in Wuppertal Gebühren zahlen, damit wir die Löcher in den Straßen stopfen können. Tatsächlich steckt dahinter aber das, was überall sonst in Deutschland Bettensteuer heißt.

Möglicherweise hat man sich aber nicht getraut, das so zu nennen, weil ich schon 2013 an dieser Stelle über bevorstehende kreative Steuermodelle geunkt habe, die sich Wuppertals Kämmerer demnächst ausdenken könnte. Damals hatte ich darüber spekuliert, dass Besitzer von Wasserbetten demnächst Hafengebühren zahlen müssen. Die jetzt geplante Bettensteuer ist aber noch perfider, weil sie folgendermaßen funktioniert: Blechen muss sie jeder, der privat in einem Wuppertaler Hotel übernachtet.

Das tun ja meistens Menschen, die in eine Stadt kommen, um sie sich anzusehen. Die Infrastrukturförderabgabe sollen diese Leute also nun zahlen, um die offensichtlich nicht vorzeigbare Stadt, die sie gerade besuchen, erst noch sehenswert zu machen. Das ist ungefähr so, als würde man im Kino einen Zuschlag zahlen, damit demnächst eine Leinwand installiert werden kann.

Das Geld aus den fünf Prozent Zuschlag auf jede Hotelübernachtung soll übrigens in einen Pott kommen, aus dem dann zum Beispiel die freie Kultur oder der Karnevalszug finanziell gefördert werden. Auf jeden Fall bekommt damit der Begriff „Nachttopf“ in Wuppertal eine ganz neue Bedeutung ...

Bis die Tage!