Nach Toreschluss - die Rundschau-Wochenendsatire: Missverständnisse

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Missverständnisse

Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und feiern, weil die Schwebebahn wieder fährt. Diese Reaktion hat mich sehr überrascht. Immerhin haben wir es ja mit einem eher ärgerlichen Umstand zu tun.

Vor 100 Jahren konnten die Menschen nur mit Hilfe von ein paar Knipex-Zangen deutlich besser Schwebebahngerüste bauen als heute. Dem Eugen Langen sind seine Stromschienen jedenfalls nie runtergefallen, während sie seit der Modernisierung des Gerüstes passend zum Wuppertaler Wetter förmlich auf uns herabregnen.

Deshalb hatte ich am Donnerstag eher mit Mopper-Sätzen gerechnet wie: „Wird auch höchste Zeit, datat Dingen wieder fährt, ihr Fötte. Und vielen Dank dafür, dat ich neun Monate lang jeden Morgen im Ersatzverkehr-Bus ein Hörnchen gekriegt habe.“

Stattdessen haben alle vom „Comeback des Jahres“ gesprochen und sich gefreut, dass wir in der „Tagesschau“ vorkamen. Das beweist einmal mehr die beispiellose Fähigkeit der Wuppertaler, selbst aus der größten Driete was Positives zu destillieren.

Der Schwebebahn-Comeback-Hype ist aber nicht das einzige Missverständnis, das mir dieser Tage aufgefallen ist. Ein anderes belauschte ich neulich in der Elberfelder Innenstadt, wo zwei alte Wuppertaler kopfschüttelnd vor einem neuen Café standen, in dem orientalischer Rauchkultur gefrönt werden kann. Der eine zeigte mit seinem Krückstock Richtung Eingang und sagte: „Sushi is nix för meck. Dat is doch bestimmt ungesund.“ Der andere stutzte: „Wat du meinst, dat heißt Shisha ...“

Während die beiden aber wenigstens noch miteinander geredet haben, klappt das bei der Stadtverwaltung gar nicht mehr. Die hat sich mit Hilfe eines komplexen Findungsprozesses eine neue Direktorin für ihr Von der Heydt-Museum ausgesucht, aber leider vergessen, den Museumsverein an der Auswahl zu beteiligen. Das wäre vielleicht keine schlechte Idee gewesen, weil der die Direktorin wesentlich mitfinanzieren soll und mit der Kandidatin nicht einverstanden war. Das ist ungefähr so, als würde Bayern München einen neuen Trainer einstellen, ohne Uli Hoeneß zu fragen.

Möglicherweise kam der Lapsus dadurch zustande, dass man vom Eintritt Gerhard Finckhs in den Ruhestand kalt erwischt wurde. Dem bisherigen Direktor sieht man seine 67 Jahre nämlich wirklich nicht an. Und wegen seiner ansonsten in Wuppertal eher nicht so ausgeprägten dynamischen Art haben ihn Verwaltung und Politik wahrscheinlich bis vor kurzen für einen Jungspund gehalten.

So blieben plötzlich nur noch wenige Jahre Zeit, die Nachfolge zu regeln, was im Veraltungsmaßstab quasi Sekundenbruchteile sind. Jetzt beginnt die Suche wieder von vorne, während sich das Museum weitgehend selbst verwalten muss.

Das bringt mich auf die Idee, dass Kulturverwaltung und der Vorstand des WSV eigentlich gut mal tauschen könnten. Im Frühjahr haben Opernintendant Berthold Schneider und Präsident Uwe Schneidewind vom Wuppertalt-Institut das ja schon mal vorgemacht und sind jeweils drei Wochen in das Büro des anderen gewechselt. Beide betonten anschließend, sie hätten vom Rollentausch sehr profitiert und viele neuen Ideen und Impulse bekommen. Vielleicht lernen WSV und Kultur so voneinander, wie man das Chaos in den eigenen Reihen noch steigern kann. Möglicherweise würde es aber auch einfach keiner der Mitarbeiter bemerken ...

Mehr von Wuppertaler Rundschau