Nach Toreschluss – die Wochenendsatire: Das Medium Angelina

Nach Toreschluss – die Wochenendsatire : Das Medium Angelina

Ich bin aber auch wirklich ein Birnemann: Da habe ich seit ein paar Tagen einen Brief in der Schublade, der mein Leben verändern kann, und gucke ihn gar nicht richtig an. Vielleicht lag es daran, dass er gar nicht an mich, sondern an einen Leser gerichtet war, der ihn mir freundlicherweise überlassen hat. Das ist alles andere als selbstverständlich, weil der Brief buchstäblich Millionen wert ist.

Darin verspricht nämlich die sehr betagte Hellseherin Angelina, für den Wuppertaler Empfänger – wir wollen ihn Herrn G. Lückspilz nennen – letztmalig ihre außergewöhnlichen angeborenen Fähigkeiten als Medium zu nutzen und ihm die Lottozahlen vorherzusagen, bevor sie sich endgültig zur Ruhe setzen werde.Ausweislich des Fotos im Briefkopf sieht Angelina aus wie das Senioren-Model aus der Protefix-Reklame für den sicheren Sitz der dritten Zähne, die sie im Bild warmherzig lächelnd gerne vorzeigt.

Das gibt einem natürlich auch hinsichtlich ihres Anliegens ein gutes Gefühl: Laut einer von ihr selbst geführten Statistik hat ihre Vorhersage der Lottozahlen bereits 177 Mal funktioniert. Jede Prognose koste die alte Dame aber jeweils viel Kraft. Nach sechs Richtigen mit Zusatzzahl müsse sie sich immer mehrere Wochen ausruhen. Deshalb habe sie den Begünstigten für ihre allerletzte Vorhersage auch besonders sorgfältig ausgewählt. Sie habe sich nach reiflicher Überlegung für Herrn Lückspilz entschieden, weil sie beim „Hellseh-Check“ sehen konnte, dass er unter großen privaten und finanziellen Schwierigkeiten leide. Eine beachtliche visionäre Leistung, denn von diesen Problemen wusste sogar der Empfänger des Schreibens selbst bis dato noch gar nichts.

Für mich bleibt es so oder so unverständlich, dass Herr Lückspilz tatsächlich darauf verzichtet hat, Angelina zu seinem Wohl das geheimnisvolle Ritual durchführen zu lassen, bei dem ihr astrale Mächte Informationen über die Zukunft zuraunen. Stattdessen hat er mir den Schrieb geschickt, damit ich mich darüber lustig mache. Das ist Kleingläubigkeit, die er vielleicht noch bereuen wird. Immerhin berichtet Angelina doch darüber, dass sie täglich mehrere Briefe von Menschen erreichen, die sich für die mit ihrer Hilfe erzielten Millionengewinne bedanken. Wobei das natürlich eine erstaunliche Quote für jemanden ist, der sich nach jedem hellseherischen Flash wochenlang ausruhen muss.

Ob ich wohl trotzdem den Coupon zur Anforderung der Gewinnzahlen ausfüllen soll? Dazu muss ich nur einen Betrag zwischen 10 und 25 Euro an Angelina zahlen, die mit bürgerlichem Namen überraschenderweise Gemini Direct Marketing Solutions GmbH heißt und sich tatsächlich die Mühe gemacht hat, den Brief an ihren allerletzten Begünstigten beim in der surinamesischen Hauptstadt Paramaribo ansässigen Dienstleister „Surpost“ aufzugeben. Im Gegenzug bekomme ich sogar eine Gewinngarantie, wie sie Borussia Dortmund am letzten Bundesligaspieltag in Mönchengladbach bestimmt auch gern hätte.

Wobei mir gerade einfällt, dass eines echt schade ist: Wenn sich Angelinas letzter Hellseh-Einsatz schon auf Wuppertal erstrecken soll, dann hätten wir sie doch auch gut fragen können, ob wir hier eine Seilbahn wollen. So wäre der ganze Bürgerbefragungs-Zinnober überflüssig gewesen und wir hätten zwar keine Millionen gewonnen, aber ein paar hunderttausend Euro gespart. Angelina, warum hast du denn bloß nicht eher geschrieben? Na ja, wahrscheinlich konntest du das nicht kommen sehen ...

Bis die Tage!

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