ESC-Blog des Wuppertaler Musikexperten Peter Bergener So emotional und gnadenlos ehrlich gemixt

Wuppertal · Seit den großen Erfolgen der Musicals „Ku'damm 56“, „Ku'damm 59“, „Romeo & Julia - Liebe ist alles“ und „Die Amme“ ist es nicht mehr von der Hand zu weisen: Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben mit ihrer unglaublichen Kreativität die Musical-Szene in Deutschland so sehr bereichert, dass sie keine internationale Konkurrenz befürchten müssen.

Peter Bergener vor dem Plakat.

Foto: Peter Bergener

Am vergangenen Wochenende gab es die Premiere zum neuesten Musical der beiden, und dieses Musical hat es wahrlich in sich und könnte der größte Erfolg der beiden werden – eine Hommage an Berlin der 90er Jahre mit all ihren Facetten: „Wir sind am Leben“. Das Berlin-Musical!

Ich wusste direkt bei den ersten Presseinfos, die ich von Claudia Knittel zur Planung vor einem Jahr erhalten habe, dass das etwas Besonderes wird. Jetzt bin ich zurück aus Berlin und muss sagen: Es übersteigt sogar meine Erwartungen - so super, so emotional, so gnadenlos ehrlich gemixt mit abwechselnden Szenen von Trauer und Freude, Leid und Glück.

Peter Bergener mit Ulf Leo Sommer (re.).

Foto: Peter Bergener

Wer mich kennt, der weiß, wie begeisterungsfähig ich bin. Nach jedem Event sprudelt es mir nur so raus mit positiver Energie und Glücksgefühlen. Doch dieses Mal war es anders, denn nachdem ich das Theater des Westens verlassen hatte, war ich total still und für ein paar Minuten in mich gekehrt. Mir fehlten wirklich in der Tat einfach die Worte und ich war total „geflasht“ von dem ganzen Musical. So überwältig war ich und mir wurde auch bewusst, dass ich nicht eine Sekunde an dem Abend überhaupt einen Hauch Langeweile verspürte.

Peter Plate und Ulf Leo Sommer sind nicht nur die „Rosenstolz“-Macher, sondern gehören zu den musikalisch kreativsten Personen, die ich kenne. Neben ihren großen Hits von „Rosenstolz“ ist das Produzenten- und Komponisten-Team für viele andere Stars tätig und schrieb bereits viele große Hits, sei es zum Beispiel für Helene Fischer, Michelle oder Sarah Connor etc.

Das Stück wird im Theater des Westens aufgeführt.

Foto: Peter Bergener

Mit ihrem neuen Musical „Wir sind am Leben“ präsentieren Peter und Ulf ihr bislang absolut persönlichstes Projekt: eine Geschichte über Familie, Freiheit und das Lebensgefühl im Berlin der frühen 90er Jahre. Die Idee dazu kam von Peter und Ulf. Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck schrieben das Buch und führten Regie. Die Musik stammt wie auch aus den anderen Musicals von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange.

In dem Musical geht es um die Geschichte der Geschwister Nina (gespielt von Celina dos Santos) und Mario (Markus Spagl), die in einer Wohngemeinschaft namens „Konsum Hoffnung“ zusammen mit einem lesbischen und schwulen Paar in einem besetzten Ostberliner Altbau wohnen. Die Mauer zwischen Ost und West ist gefallen, in Berlin herrscht Aufbruchstimmung gepaart mit Euphorie, Hoffnung, aber auch Angst, denn die AIDS-Krise steuert auf ihren Höhepunkt zu und belastet auch die Wohngemeinschaft.

Doch die 90er waren nicht nur traurig und politisch, sondern auch absolut verrückt und absurd – eine Mischung aus technologischem Aufbau, exzentrische Mode und die Aufbruchstimmung gab Raum für kreatives Chaos.

Das Musical ist jedoch kein reines Drama: Das wird einem spätestens bewusst, als die Friseurin Rosi (grandios gespielt und gesungen von Steffi Irmen), die Mutter von Nina und Mario, unangekündigt in der Wohngemeinschaft auftaucht. Bei Rosi, eine sehr schillernde und laute Figur aus Wittenberg, liefen mir die Tränen vor Lachen, vor allem als sie selbstbewusst darlegt, dass sie die „Udo Walz des Ostens“ war und angeblich in ihrem „Salon Rosie“ Prominente von Kati Witt bis Wolfgang Lippert frisierte und sie sogar die Lilatönung von Margot Honecker erfunden hat. Nun aber aufgrund des Mauerfalls muss sie ihren Salon in Wittenberg schließen, da alle nur noch zu Udo Walz in den Westen wollen. Mein Gott, wie habe ich bei dem Lied gelacht!

Peter Bergener in Berlin.

Foto: Peter Bergener

Für weitere Lacher sorgte auch Kathi Damerow als esoterische Mitbewohnerin Doris und ganz amüsiert war ich, als ein junger Mann namens Klaus einen kurzen Auftritt hatte, der dann sagte: „Merk Dir mein Gesicht. Ich werde mal Bürgermeister von Berlin.“ Der junge Wowereit also! (Übrigens war Wowereit auch vor Ort bei der Premiere und hatte bestimmt seine große Freude!)

Und so wechselte das Stück von Freude zu Traurigkeit, denn besonders berührt hat mich der Song „Die Schlampen sind müde“, ein Rosenstolz-Klassiker aus dem Jahr 1997. grandios gesungen von Celina dos Santos. Toll, dass Peter und Ulf das in ihr neues Musical eingebaut haben. Es ist ja auch eine Hommage an Rosenstolz und an Anna R. Die Frontfrau von Rosenstolz verstarb vergangenes Jahr. Peter und Ulf würdigen mit diesem Werk das einzigartige Vermächtnis. Der ganze Saal hat bei dem Lied mitgesungen.

Ja, das Musical hat auch traurige Momente, denn immerhin sterben zwei Hauptfiguren. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, als Bruno (hervorragend gespielt und gesungen von Jörn Felix Alt) von seiner HIV-Diagnose erfährt und den Song singt: „Die Party ist erst aus, macht der Letzte das Licht aus und der Letzte, das werd' ich sein. Auch, wenn's fünf vor Zwölf ist, hab' noch fünf Minuten. In diesen fünf Minuten werd' ich nicht weinen!" Die Inszenierung war berührend, aber auch unglaublich trostspendend.

Peter Plate und Ulf Leo Sommer teilen in dem Flyer zum Musical mit: „Mit ,Wir sind am Leben‘ möchten wir erinnern. An die, die gegangen sind. An die, die zurückblieben. Und an das, was man nicht vergessen darf – auch wenn es leiser geworden ist. Ein Denkmal. Nicht aus Stein, sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl.“

Mit diesen einzigartigen berührenden Worten möchte ich meinen Artikel beenden und kann Euch wirklich nur empfehlen, dieses Musical in Berlin anzuschauen. Ihr werdet genauso begeistert sein von dem gesamten Darsteller-Ensemble, den Live-Musikern sowie der Choreografie. Glaubt mir! Viele musikalische Grüße, Euer Euro-Music-Peter!