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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire der Rundschau: Gesunde Skepsis

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Gesunde Skepsis

Nutri-Score - das hört sich an wie ein leckerer neuer Schoko-Riegel mit extra viel Nüssen. Tatsächlich handelt es sich aber um das neue Nährwert-Logo, das die Bundesregierung ab Herbst auf Lebensmittelverpackungen drucken lassen möchte. Auf einer bunten Skala von A (gut) bis E (schlecht) kann man dann ablesen, ob das Produkt mit Blick auf seine Inhaltsstoffe gesund oder eher ungesund ist.

Wildfremde Verbraucher liegen sich dankbar in den Armen, weil sie endlich darüber aufgeklärt werden, dass Coca-Cola dick macht und Schlagsahne entgegen landläufigen Meinungen doch Fett enthält. Und bei gesalzenen Erdnüssen wird der schlechte Score den immer schon gehegten Verdacht erhärten, dass viel Salz drin sein könnte. Ausgenommen hat Verbraucherministerin und Winzertochter Julia Klöckner aber sicherheitshalber alkoholische Getränke. Gutachter untersuchen derzeit noch, ob ein Viertel Rotwein pro Tag wirklich gut für die Gefäße ist. Dabei liegt das für mich auf der Hand, weil Gefäße wie Weingläser ja ohne Inhalt quasi nutzlos sind.

Man darf natürlich gespannt sein, ob der Nutri-Score funktioniert und adipöse Kinder tatsächlich beim nächsten Snack-Einkauf angewidert die Packung Chips fallen lassen, weil sie dank des E-Scores plötzlich merken, dass es sich bei Pringles Sweet Paprika gar nicht um eine Gemüsespezialität handelt. Bei den Zigaretten hat das mit der Abschreckung durch die Bilder von appen Beinen und Lungen-Karzinomen auf den Verpackungen ja immerhin sehr gut funktioniert. Meine qualmenden Freunde haben sich hübsche Hüllen für die Päckchen gekauft und rauchen weiter.

Nicht unwichtig für den Erfolg des Nutri-Scores wäre natürlich, dass er überhaupt auf der Verpackung drauf ist. Das allerdings sieht die Verordnung des Bundes nicht vor, weil der Aufdruck des Nutri-Scores freiwillig ist. Ein wirklich überzeugendes Konzept. Das ist ungefähr so, als würde man den Parteien im Wahlkampf die Möglichkeit einräumen, ihre Plakat freiwillig mit einem „Leere-Phrasen-Score“ zu versehen.

Nun ist es ja nicht so, dass der Verbraucherschutz bisher bei Lebensmitteln noch gar keine Rolle gespielt hätte. Schon jetzt müssen bestimmte Zutaten auf Verpackungen kenntlich gemacht werden. Das passiert dann gerne in Schriftgrößen, für deren Entzifferung man aus der Lebensmittelabteilung kurz einen Abstecher zu den Elektroartikeln machen muss, um dort ein Elektronenmikroskop zu erwerben. Mit dem kann man dann eine Vielzahl von winzigen E-Nummern entdecken, von denen es ungefähr 300 gibt, die natürlich niemand ohne Erklärung versteht. Das ist auch besser so, weil es sich überwiegend um Sachen handelt, die man immer schon mal nicht zu sich nehmen wollte. „Chinolingelb“, „Cochenillerot“, „Patentblau“ und „Brillantschwarz“ sind zum Beispiel nicht die aktuell verfügbaren Lack-Varianten für den VW Golf, sondern die Farbstoffe, die sich hinter den E-Nummern 104, 124, 131 und 151 verbergen. Ein Verschlüsselungssystem auf das die Erfinder der legendären Chiffriermaschine „Enigma“ stolz gewesen wären ...

Den Nutri-Score vepflichtend machen könnte übrigens nur die EU. Weil es in Brüssel aber mehr Lobbyisten der Lebensmittelindustrie als Einwohner gibt, passiert das ungefähr seit 2009 jedes Jahr doch nicht. Nach meinen Erfahrungen mit der EU wird es am Ende so kommen: Die Hersteller müssen zwingend auf alle Verpackungen einen Score aufdrucken, dürfen sich den Buchstaben aber selbst aussuchen.

Bis die Tage!