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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Denkwürdiger Klingelholl

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Denkwürdiger Klingelholl

Diese Woche musste ich stutzen, als ich die Presseinformation eines Unternehmens aus Niedersachsen las, das ein Immobilienprojekt in Barmen starten will.

Das Umfeld des Neubaus beschreiben die Entwickler aus der Lüneburger Heide nämlich wie folgt: „In unmittelbarer Nähe zum Petrus-Krankenhaus ist Sedansberg auch eine Route der Schwebebahn, die am Wohnhof Münzstraße halt macht. ... Im denkwürdigen Klingelholl, welches fußläufig in ca. 10 Minuten erreichbar ist, sind verschiedene Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomie.“

Erfahrene Wuppertaler werden in dieser Schilderung der örtlichen Gegebenheiten möglicherweise kleinere Ungenauigkeiten entdecken. Vielleicht haben wir aber auch alle nur gar nicht gemerkt, dass die Stadtwerke während der Schwebebahn-Zwangspause voriges Jahr nicht nur die Stromschiene repariert, sondern auch noch eine Schleife mit der neuen Haltestelle „Wohnhof Münzstraße“ gebaut haben. Wobei die Vorstellung reizvoll ist: Ich sehe förmlich vor mir, wie sich der Gelenkzug am Alten Markt in einer Art Looping auf den Kopf stellt und sich – ähnlich wie die weltberühmte Zahnradbahn zum Gornergrat in Zermatt – Meter für Meter den steilen Sedansberg hinauf kämpft. Eugen Langen wäre stolz darauf ...

Mindestens so stolz wie die Bauherren auf die Nähe ihres Projekts zum „denkwürdigen Klingelholl“. Wer träumt nicht davon, einmal auf diesem Prachtboulevard lustwandeln zu dürfen, der auf anmutigste Weise den städtischen Recyclinghof im Osten mit dem für seine imposante Wodka-Auswahl bekannten Mix-Markt im Westen verbindet? Eine Art Champs-Elysées Wuppertals, an der sich ein legendäres  gastronomisches Highlight ans nächste reiht. Genau genommen reden wir über die Bäckerei im Rewe-Markt, aber Paul Bocuse hat ja auch nicht direkt als Küchenchef angefangen. Denkwürdig ist am Klingelholl immerhin die möglicherweise höchste Verdichtung hässlicher Nachkriegsbauten in ganz Deutschland ...

Da fragt man sich natürlich, wie die Immobilienprofis aus der Lüneburger Heide zu diesen erstaunlichen Insiderkenntnissen über Wuppertal kommen konnten? Hat ihnen das Heidekraut den Blick verstellt oder haben sie es geraucht? Haben sie den Klingelholl vielleicht mit dem Klingholzberg verwechselt? Der ist aus meiner Sicht aber auch nur denkwürdig, weil man da in meiner Jugend gerne ein blaues Auge bekam. Das kann ja mit Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten eigentlich nicht gemeint sein ...

Bleibt als Erklärung nur das Internet, das Auswärtige ja schnell mal auf Irrwege führen kann. Wenn Sie zum Beispiel das große internationale Touristik-Portal „tripadvisor“ öffnen, finden Sie da drei erfreulich positive Bewertungen von Besuchern, die unsere neue Bahnhofshalle am Hauptbahnhof loben. Wer die „sehr schönen Geschäfte“ sucht, die Besucherin „Melanie L“ in der Mall, entdeckt hat, könnte allerdings etwas enttäuscht werden. Genau wie der Wuppertal-Gast, der eine  „tripadvisor“-Empfehlung umsetzt, die das Portal direkt neben die Döppersberg-Bewertungen als Tipp unter dem Stichwort „Entdecken Sie die Umgebung“ platziert hat. Empfohlen wird hier die von einem privaten englischsprachigen Fahrer durchgeführte achttägige Auto-Rundreise mit den Stationen „Jodhpur - Jaisalmer - Barmer - Udaipur“...

Ein schönes Beispiel dafür, dass künstliche Computer-Intelligenz offensichtlich überschätzt wird. Sonst würde sie wenigstens den Unterschied zwischen der Stadt Barmer im westindischen Bundesstaat Rajasthan und Wuppertals zweitgrößtem Stadtteil erkennen ...

Bis die Tage!