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Rundschau-Kolumne "Nach Toreschluss": Zurück im Autokino

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Zurück im Autokino

Bis vergangenen Mittwoch war das legendäre Autokino in Schwelm das einzige, in dem ich je gewesen bin. Die Leinwand auf dem Parkplatz im eher pelzigen Industriegebiet auf der Stadtgrenze zu Wuppertal war ein echter Sehnsuchtsort für alle, die wie ich in den 80er Jahren erwachsen wurden. Wobei seinerzeit das cieneastische Erlebnis nicht durchgehend im Vordergrund stand.

Genau genommen bin ich mir gar nicht sicher, ob ich im Autokino jemals wirklich einen Film gesehen habe. Das ist verschmerzbar, weil das Programm zu späterer Stunde gerne auf Streifen setzte, die nie einen Oscar bekommen haben. Heimatforscher könnten sich eigentlich gut mal mit der Frage beschäftigen, wie viele Wuppertaler bei „Liebesgrüße aus der Lederhose“ gezeigt wurden ...

Keine Frage: Autokino war cool. weil es im Wagen heiß her ging, sofern nicht gerade der Popcorn-Verkäufer ans Fenster klopfte. Diese Erschwernis sowie die Efindung der DVD ließen die meisten Autokinos irgendwann so still und heimlich verschwinden wie Harry Lime im Orson-Welles-Klassiker „Der dritte Mann“. Bei meinem letzten Autokino-Besuch war Helmut Kohl noch nicht lange Kanzler, wehalb ich mir selbst auch eine Mitschuld an der Schließung der Einrichtung in Schwelm gebe, die ungefähr vor 15 Jahren gekommen sein muss.

Umso größer war die Freude, dass es jetzt zur Corona-Ablenkung ein kleines Autokino-Revival auf dem Carnaper Platz gibt. Freundlicherweise war ich zum Testlauf am Mittwoch eingeladen, bei dem die Leinwand unter einem idyllischen Supermond zum ersten Mal bespielt wurde. Nun ist es aber so, dass die Anforderungen an einen Autokino-Besuch heute andere sind als vor 30 Jahren. Man möchte zum Beispiel ganz gerne den Film sehen. Dazu ist es ratsam, vorher die Frontscheibe zu säubern. Daran hatte ich nicht gedacht, weshalb ich nicht nur die „Känguru-Chroniken“, sondern auch ziemlich viele tote Mücken im Bild hatte.

Außerdem waren früher entweder die Filme schmaler oder die Rückspiegel irgendwie kleiner. An meinem kann man nur vorbeigucken, wenn man ihn demontiert. Zur vollständigen Betrachtung des Breitwanderlebnisses musste ich mich deshalb in eine mäßig bequeme seitliche Liegeposition mit dem Kopf zwischen B-Säule und Nackenstütze begeben. Solch eingeschränkten Sitzkomfort kennen ältere Wuppertaler möglicherweise noch aus dem legendären Barmer Fita-Palast, der diesen Namen am Ende nur noch als satirisches Element trug. Die Nutzung der im Federungs-Endstadium befindlichen Polstersessel mündete gerne in einem Besuch beim Orthopäden. Wobei ich heute dankbar bin, dort oft Platz genommen zu haben. Wer damals zweieinhalb Stunden tief in diese mit allerlei Substanzen humanoiden oder chemischen Ursprungs getränkten Samtpolster versunken war, ohne eine Hautkrankheit zu kriegen, ist nämlich heute wahrscheinlich sogar gegen Corona immun.

Zum Film gehört ja auch Ton. Normalerweise kommt der aus dem Autoradio. Am Mittwoch war die Ultrakurzwelle aber noch nicht lang genug, um bis zum Carnaper Platz zu reichen. Deshalb wurden kleine Kästchen verteilt, aus denen ein Sound kam, der pünktlich zum Jahrestag des Kriegsendes an den Klang der Volksempfänger erinnerte. Da war es dann auch nicht so schlimm, dass der Ton ziemlich oft ausfiel. In diesem Fall machten die Betroffenen die Warmblinkanlage an, um Hilfe zu holen. So sah es fast so aus, würden da und dort die Wagen im Dunkeln per Lichtsignal miteinander reden. Autokino hat einfach etwas Magisches ...

Bis die Tage!.