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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire aus Wuppertal

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Jung und hoch motiviert

Das Kuriose an Corona ist ja, dass es positiv ist, wenn man negativ ist. Es gibt aber noch andere paradoxe Sachen in dieser Welt.

Ich las jetzt zum Beispiel in einer erstaunlichen Pressemitteilung des Portals „anwaltsauskunft.de“ von einer Entscheidung des Arbeitsgerichts Nürnberg. Das hat sich im Mai 2020 mit dem Fall eines Mannes beschäftigt, der nach einer erfolglosen Bewerbung bei einem Nahrungsmittelgroßhandel auf Entschädigung geklagt hatte. Begründung: In der Stellenanzeige stand, man suche „zukunftsorientierte, kreative Mitarbeiter in einem jungen, hoch motivierten Team“. Jetzt fühle er sich diskriminiert, weil er vermutet, als 61-Jähriger wegen seines Alters nicht eingestellt worden zu sein. Da muss man erstmal drauf kommen ...

Deshalb war ich auch tendenziell überrascht, dass dem Kläger tatsächlich eine Entschädigung in Höhe von zwei Monatsgehältern zugesprochen wurde, was solide 6.710,98 Euro ausmacht. Leider konnte er nicht darlegen, dass er die Stelle ohne diese Benachteiligung auch tatsächlich bekommen hätte. Sonst wären es drei Monatsgehälter gewesen ...

Als Begründung ließ das Gericht wisen, die Begriffe „jung“ und „hoch motiviert“ beschrieben Eigenschaften, die im Allgemeinen eher jüngeren als älteren Menschen zugeschrieben werden. Für die Erkenntnis, dass man den Begriff „jung“ eher „jungen Menschen“ zuordnet, müsste man aus meiner Sicht zwar nicht zwingend 20 Semester Jura studieren, aber prinzipiell ist das schon richtig erkannt. Dass „hoch motiviert“ aber auch eher jungen Menschen zugeordnet werden soll, finde ich interessant. Von Betrieben, die geeignete Lehrlinge suchen, höre ich öfters genau das Gegenteil ...

Aus diesem Urteil ergeben sich jedenfalls unmittelbar zwei wichtige Konsequenzen. Erstens ist das heute wohl meine letzte Glosse, weil ich mich künftig hauptberuflich erfolglos auf ähnlich formulierte Stellenanzeigen bewerben werde. Da verdiene ich ja viel mehr als mit dem Geschreibsel. Und zweitens sollte man als Firma beim Recruiting künftig dringend ganz andere Textbausteine benutzen als bisher üblich. Sonst könnte man ganz schnell an den Kosten für Personal pleite gehen, das man noch gar nicht einstellt hat. Zumal man ja auch noch im Hinblick auf die Geschlechtergerechtigkeit alles sehr vorsichtig formulieren muss.

Stellenanzeigen werden deshalb demnächst alle ungefähr so aussehen:

„Sie sind kompetent, gut ausgebildet, hoch motiviert und wünschen sich eine neue berufliche Herausforderung? Dann sind Sie genau der/die/das Falsche für uns! Wir suchen Minderleister*innen keinerlei Geschlechts, die unsere lustlose Gurkentruppe weiter schwächen. Willkommen im Team!“

Möglicherweise hatte übrigens das Wuppertaler Gebäudemanagement irgendwann mal vorausschauend so eine Anzeige geschaltet, dann aber aus Versehen jemanden eingestellt, der den Text wörtlich genommen hat. Das wäre immerhin eine Erklärung dafür, warum die städtischen Hochbau-Experten nicht mal mehr in der Lage sind, auf der Hardt ein paar Container übereinander zu stellen ...

Bis die Tage!


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