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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Alle ein bisschen lost ...

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Alle ein bisschen lost ...

„Lost“ ist soeben zum Jugendwort des Jahres gewählt worden. Wörtlich heißt das eigentlich verloren, wer „lost“ ist, ist aber im Prinzip ahnungslos, unsicher oder unentschlossen. Ziemlich viele unserer Politiker sind also auch lost, wenn ich mir so angucke, was die gerade beim Thema Corona-Vorschriften anstellen.

Bisher hatte ich im Hinblick auf das Regelwerk immer Baseball für die komplizierteste Sache der Welt gehalten. Inzwischen ist sie aber von der neuen Sportart „Allgemeinverfügung verstehen“ locker abgehängt worden. Wenn man da abends eine Wuppertaler Regel kapiert hat, wird sie morgens vom Land wieder gekippt und anschließend von der Bundesregierung abgeändert. Die Frage „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ war ursprünglich nur der Titel eines Buch-Bestsellers des langmähnigen Talkshow-Grüblers Richard David Precht. Jetzt ist sie aber eine Kernfrage unserer Existenz, wenn wir beispielsweise mal essen gehen oder Geburtstag feiern wollen.

Grundsätzlich gilt als Faustregel: Haben Sie besser nicht Geburtstag, denn dessen Durchführung wird Sie nicht nur um eines, sondern gleich um mehrere Jahre altern lassen. Wie war das noch gleich? Durften jetzt nicht mehr als 25 Leute aus zwei Haushalten in einer öffentlichen Privatwohnung essen gehen oder sind fünf Haushalte mit einem Gast im nach 23 Uhr geschlossenen Restaurant nicht mehr zulässig? Zählen mitgeführte Wauzis mit eigener Hundehütte als separater Haushalt und ist der 75. Geburtstag eines Täuflings ein herausragender Anlass im Sinne der Corona-Schutzverordnung des Landes? Ist ein Halbbruder noch ein Verwandter in gerader Linie oder ist die schon krumm? Ist es eine private Feier oder eine Kulturveranstaltung, wenn man „Happy Birthday“ als Kanon singt und dürfen dann 25 Prozent der Plätze mit maximal nicht mehr als wenigstens 150 Gästen besetzt werden?

Wenn Sie sich jetzt ein bisschen lost vorkommen, kann ich Sie beruhigen. Das geht mir auch so. Platz zwei beim Jugendwort des Jahres wurde übrigens übrigens „cringe“. Das habe ich als Greis zwar vorher noch nie gehört, weiß aber jetzt, dass es so viel wie „fremdschämen“ bedeutet. Daran kann man auch gewisse gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ablesen: Heute haben wir „lost“ und „cringe“, 2014 hatten wir „Läuft bei dir!“ auf Platz eins und „Gönn dir!“ auf Platz zwei. Was fünf Jahre so ausmachen ...

 Bei Corona können übrigens sogar wenige Tage ganz viel ausmachen. Unser Nachbar, der bei einem Remscheider Unternehmen arbeitet und deshalb einen Firmenwagen mit RS-Kennzeichen hat, traute sich gar nicht mehr, damit durchs Tal zu fahren, als die Nachbarstadt plötzlich Corona-Hotspot wurde. Er befürchtete, mit faulen Eiern beworfen zu werden. Inzwischen ist Remscheid wieder unter 50 und Wuppertal fast bei 100 – jetzt wollte seine mit Kennzeichen W am Zweitgefährt herumsausende Gattin, dass er ihr seinen Dienstwagen leiht, weil sie nach Düsseldorf musste ...

Bis die Tage!