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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Sag mir, wo die Häuschen sind

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Sag mir, wo die Häuschen sind ...

Gestern bin ich durch die vorweihnachtliche Elberfelder Innenstadt gebummelt und musste dabei an Loriot denken: Früher war mehr Lametta!

Nachdem wir 20 Jahre lang regelmäßig über den mickrigen Weihnachtsmarkt in der Fußgängerzone gemoppert haben, stehen wir jetzt ernüchtert in einer Glühlampen- und Glühwein-freien City und stellen fest, dass wir die Sperrholzhäuschen mit den von zahnlosen tibetanischen Hochgebirgshirten mundgeklöppelten Baumwollschals aus Polyester und den bis weit hinter Hammerstein ausdünstenden Champignonpfannen tatsächlich vermissen.

Hat ein Leben ohne Riesenbratwurst vom Schwenkgrill zum Preis eines Filetsteaks überhaupt noch einen Sinn? Werden uns unsere Freunde nächstes Jahr überhaupt noch wiedererkennen, wenn wir nicht wenigstens einmal mit ihnen am Lions-Stand so viel Glühwein getrunken haben, dass man mit dem Erlös der Hälfte aller mildtätigen Einrichtungen in Wuppertal wieder auf die Beine helfen könnte? Fragen über Fragen, zu denen sich jetzt auch noch die Sorge um den Ablauf des heimischen Weihnachtsfestes gesellt.

Besorgte Nachbarskinder wollten neulich von mir wissen, ob der Weihnachtsmann dieses Jahr überhaupt Geschenke bringen kann, weil er mit seinem weißen Bart doch bestimmt zur Risikogruppe gehöre. Diese Bedenken im Hinblick auf die Bescherung sind natürlich angebracht. Zumal mit Blick auf die Kontaktbeschränkungen für Weihachten auch noch ungeklärt ist, ob das Christkind als Verhinderungsvertreter des Weihnachtsmanns eigentlich über oder unter 14 Jahre alt ist. Reißt es die Schwelle, zählt es ja bezogen auf die maximale Personenzahl mit und es dürfen nur noch neun statt zehn zu Beschenkende kommen.

Hier brauchen wir dringend Rechtssicherheit im Hinblick auf das himmlische Personal. Ich hoffe außerdem, dass die Heiligen drei Könige daran denken, sich rechtzeitig auf den Weg zu machen. Wenn die Inzidenz im Morgenland höher ist als in Deutschland, müssen die Jungs ja zehn Tage in Quarantäne.

Als Wuppertaler haben wir aber in dieser großen weihnachtlichen Krise einen entscheidenden Vorteil: Da wir im Gegensatz zum Rest der Republik unabhängig von Corona im Prinzip schon seit 1980 im Krisenmodus sind, kann uns die gegenwärte Lage nicht mehr sonderlich erschüttern. Wir haben jahrelange Übung darin, immer das Beste draus zu machen und mit unerschütterlichem Optimismus nach vorne in eine möglicherweise auch nicht bessere Zukunft Dieses Prinzip hat sich zum Beispiel bei den neuen Schwebebahnen sehr bewährt.

So werden wir am Ende auch Weihnachten alle beseelt mit festlich gefärbten rot-grünen Masken rund um den Tannenbaum stehen und gemeinsam singen: „Lustig, lustig, traleralera, bald ist Bionics Impfstoff da!“ Gefolgt von „Morgen, Kinder, wird‘s ihn geben“, auch wenn Morgen bei 450.000 Impfvorgängen in Wuppertal gut und gerne erst Weihnachten in einem Jahr sein kann.

Nebenbei bemerkt: Auch Corona wird nichts daran ändern, dass Weihnachten das Fest der Nächstenliebe ist. Ich persönlich habe mich sogar dazu entschlossen, Donald Trump zu lieben, weil er sich jetzt doch nicht lebenslang im Weißen Haus einschließen will. Gestern leitete mir übrigens jemand einen vermeintlichen Tweet von Trump weiter, in dem er sich zum Tod von Maradona äußert: „Das ist traurig. Ich habe ihre Alben in den Neunzigern sehr gerne gehört.“ Bei jedem anderen wäre man da ganz sicher, dass es sich um einen Fake handeln muss ...

Bis die Tage!