Kommentar zur E-Scooter-Debatte Der Roller-Rock ’n’ Roll

Wuppertal · Seit quasi über Nacht die stattliche Flotte der „Lime“-E-Scooter Wuppertal geflutet hat, steht gefühlt die halbe Stadt kopf. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.

 E-Scooter am Johannisberg.

E-Scooter am Johannisberg.

Foto: Wuppertaler Rundschau/jak

Weil genau genommen niemand – vom Oberbürgermeister über die Parteien bis scheinbar auch hinein in die Verwaltung – davon wusste, wann es losgeht. Und dass es dann tatsächlich ganz plötzlich losgegangen ist. Das darf man zurecht als sehr erstaunlich bezeichnen. Wer hat da mit wem verhandelt, wer hat da mit wem ein bestimmtes Datum festgeschrieben?

Viel schlimmer findet allerdings eine nicht unbedeutende Zahl von Menschen in dieser Stadt, dass die Fahrerinnen und Fahrer der Leih-Scooter mehrheitlich machen, was sie wollen: Fahren auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen sowie Abstellen der Geräte, schlicht ausgedrückt, einfach irgendwo.

Ein weiterer Grund für mächtiges Grummeln ist, dass es nicht so aussieht, als würde sich irgendjemand um dieses „Wildwest“ kümmern. Das Ordnungsamt zum Beispiel schon mal nicht: Einem unserer Leser, der sich dort wegen herumstehender E-Scooter beschwerte, wurde mitgeteilt, man sei nicht zuständig – und er solle deswegen die Verleihfirma „Lime“ ansprechen.

Interessant, interessant: Muss ich dann demnächst, wenn irgendwo ein Lieferdienst-Fahrzeug den Betrieb aufhält, bei Amazon & Co. anrufen?

Ein weiterer Leserbriefschreiber stellt gleich mehrere sehr berechtigte Fragen: „Liebe Stadt, Zeit für Transparenz: Wie sehen eigentlich die Verträge aus? Was verdient Wuppertal daran? Gibt es Konventionalstrafen? Oder geht es nach dem Hünefeldstraßen-Motto ‚Einfach aussitzen, wird sich schon beruhigen’?“

So viel kann man jedenfalls sagen: Das Vertragswerk zwischen Stadt und Verleihfirma ist umfangreich, regelt eine Vielzahl von Facetten. Aber dass es in Zukunft zu tatsächlich rigorosen Kontrollen (durch wen denn auch?) kommen wird – das glaube ich, ehrlich gesagt, für keine fünf Pfennige.

Klar ist: Die Nachfrage nach den Leih-Scootern ist sehr groß. Wer regelmäßig in der Stadt unterwegs ist, sieht sie überall. Und zwar bei weitem nicht nur herumstehend, sondern sehr oft fahrend.

Für junge Leute (und nicht nur für die) sind die Gefährte ohne Frage eine interessante Alternative, um kürzere Strecken zu absolvieren. Und auch manche zu lange (oder gar ganz gestrichene) Busverbindung lässt sich damit spürbar verkürzen beziehungsweise ersetzen.

Was ich nicht glaube, ist, dass die grün-weißen Flitzer rubbeldiekatz wieder abgeschafft werden. Eher wahrscheinlich ist, dass sich weitere Anbieter für den in Sachen der Nutzerschaft offenbar sehr Scooter-verliebten Wuppertaler Markt interessieren werden.

Vor allem deswegen muss sich in Zukunft jemand ernsthaft um die Wildwuchs-Eindämmung im öffentlichen Raum kümmern. Immer nur anderswohin zu zeigen und „nicht zuständig“ zu antworten – das macht keinen schlanken Fuß.

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