Kommentar: Graffiti (und Wahlplakate) auf der Trasse: Nur die Ruhe ...

Kommentar: Graffiti (und Wahlplakate) auf der Trasse : Nur die Ruhe ...

Manchmal fragt man sich: Passiert nichts wirklich Wichtiges mehr? Ende Juli etwa wurden die Medien über einen großen Stadt-Einsatz auf der Trasse (nahe der Clausen-Brücke) informiert. Ein Text war dort aufgesprüht worden — in weißen und grünen Buchstaben.

Er lautete: "Die Wut in dir. Unkontrollierbar schlägt sie zu und lässt dich selber verschwimmen wie schwarze Schrift die auf Wasser trifft. Tränen die fließen. Zorn in dem du dich verlierst"

Die Stadt hat deswegen Strafanzeige wegen Sachbeschädigung gestellt, man ging mit Heißdampf und Chemie ran, um die Worte zu tilgen. Ohne Erfolg. Was jetzt die Trasse an besagter Stelle "ziert", ist eine hässlich verunstaltete meterlange Fläche. Kaputtrepariert — sozusagen.

Die Nordbahntrasse ist ein "open space": Die Bandbreite dessen, was Menschen an und auf ihr machen und/oder hinterlassen, reicht von de facto dämlichen Schmierereien über den wunderbaren Märchengarten von Martin Michels am Bahnhof Loh bis hin zu außergewöhnlichen Spielarten all dessen, was unter dem Obergriff Street-Art zusammengefasst wird. Ich bin sehr oft auf der Trasse. Und ich bin immer gespannt, was es Neues zu sehen geben wird. Zuletzt etwa ein großes, weißes, filigranes Text- und Linien-Stück auf dem Boden im Tunnel Dorp.

Man kann das unter "Sachbeschädigung" verbuchen. Und befindet sich damit in einer juristisch korrekten Position. Man muss sich dann aber auch darüber im Klaren sein, dass der Kampf, der da mit motorisierten Ordnungsamts- oder Polizeistreifen geführt wird, aussichtslos ist. Die Jungs und Mädels, denen man auf der Spur ist, werden sich kaum erwischen lassen. Die kommen in der Nacht. Passend zum Buch über die von Red Bull finanzierte Wuppertaler Underground-Street-Art-Aktion, die unsere Stadt vor Jahren bundesweit in die Medien brachte: "We come at night"...

Mir hat der grün-weiß geschriebene Text an der Clausen-Brücke sehr gefallen. Das war Street-Text-Art. Eine individuelle Botschaft. So wie die auf der Fahrbahn am Mirker Bahnhof, wo einer seine Alexa um Verzeihung bittet und ihr versichert, dass er sie liebt. Sachbeschädigung?! Street Art vergeht von selbst — durch Witterung und Abnutzung. Irgendwann sind die Botschaften weg. Das ist der Sinn der Sache. Nur die Ruhe ...

Und weil die Trasse so ein wahnsinnig beliebter Raum ist, auf dem man ganz viele Wuppertaler erreicht, wird sie als "Abschussrampe" für bunte (Bilder-)Botschaften noch viel, viel beliebter werden.

Das haben auch unsere OB-Kandidaten erkennt— und die Trasse, die ja eigentlich komplett werbefrei bleiben soll(te), für sich entdeckt: Zuerst waren es die Plakate von Peter Jung, die allüberall prangten. Jetzt hat Andreas Mucke nachgezogen.

Ich sag's mal so: Auch sie schicken uns individuelle Botschaften. Auch die sind irgendwann weg. Das ist der Sinn der Sache. Nur die Ruhe...