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Kommentar: Nicht nur die IHK war fassungslos

Kommentar : Nicht nur die IHK war fassungslos

Letztlich kann man das, was sich in den paar zurückliegenden Tagen in Sachen Corona abgespielt hat, nicht mehr in Worte fassen.

Als ich von dem abstrusen Plan für eine erzwungene (und doch auch wieder nicht konsequente) „Oster-Ruhe“ erfuhr, war ich fassungslos. Ähnlich wie unzählige Wirtschafts-, Handels- und was weiß ich noch welche Verbände. Darunter natürlich auch die Bergische IHK, deren Geschäftsführer in seiner Stellungnahme das Wort „fassungslos“ verwendet hat. Zurecht. Ist es tatsächlich so, dass unsere Regierung (und weite Teile der Opposition offenbar auch) nicht den Hauch eines Planes haben, wie es möglich werden kann, dass dieses Land und seine Menschen mit dem Corona-Virus umgehen und leben können? Ist es tatsächlich so, dass denen, die an den Schaltstellen der Macht sitzen, nichts anderes einfällt, als immer weitere Lockdowns, Beschränkungen, Verordnungen & Co.?

Ein Jahr Corona – und immer noch keine Strategie, die den Menschen einleuchtet, die den Menschen eine wirtschaftliche, soziale und emotionale Perspektive für einen Weg aus diesem Tunnel heraus bietet? Keine offene Diskussion darüber, ob die Inzidenz-Zahl noch die ist, die das Geschehen, und was daraus abgeleitet werden muss, korrekt abbildet? Vor einem Jahr (und lange danach) war die Zustimmung zum deutschen Corona-Management riesig. Jetzt schmilzt dieses damals beinahe bevölkerungsweite „Ja“ wie Butter in der Hochsommersonne. Zu viele Versprechungen sind gemacht worden, die dann nicht eingehalten wurden. Heilsversprechen habe ich das vor Monaten an dieser Stelle genannt, als es um die Anfänge der Impf-Kampagne ging. Heilsversprechen dürfen Kirchen oder Religionsgemeinschaften machen. Und selbst die sollten vorsichtig damit sein. Auf keinen Fall aber dürfen Politiker Heilsversprechen machen. Politiker dürfen auch keine eigennützigen Geschäfte (mit in dieser Zeit notwendigem medizinischem Material) machen. Wie sehr sich CDU und CSU dadurch selbst kontaminiert haben, ist, glaube ich, noch gar nicht absehbar.

Warum gibt es keine tragfähig-flexible Impf-Strategie, keine die Menschen beruhigende Impf-Geschwindigkeit? Aber es gibt höchst „beruhigende“ Statements wie das von Virologe Christian Drosten, dass es „für noch Ungeimpfte über 50 brenzlig“ nun werde. Dankeschön. Ich bin 58. Auch eine tragfähige Test-Strategie gibt es nicht. Weder in Schulen, noch in Betrieben.

Ausgetragen wird all das (und die Folgen, die es hat) auf dem Rücken der Menschen. Auf dem Rücken von Familien und Alleinerziehenden, auf dem Rücken von Einzelhändlern, Gastronomen, Leuten aus der (vor allem freien) Kultur. Übrigens auch auf dem Rücken von Senioren, selbst wenn sie schon geimpft sind: Die machen sich nämlich große Sorgen um ihre jüngeren Angehörigen. Das zumindest weiß ich aus der eigenen Familie.

Ein Jahr Corona – und immer noch keine Strategie. Kein Gedanke daran, das Sozialsystem jetzt (endlich einmal) mit der Einführung des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ umzubauen? So dass angesichts der in vielen (neuen) Schichten grassierenden Absturzangst eine gewisse Beruhigung in Sachen einer nicht durch das Hartz IV-Diktat reglementierten Absicherung gegeben wäre? Kein Gedanke daran aus der sozialdemokratischen Partei oder von den Grünen? Das Geld dafür, so scheint es mir, wäre ja da. Das zeigen milliardenschwere Hilfspakete, die beispielsweise TUI und Lufthansa sehr wohl, viel zu viele Solo-Selbständige und andere Freischaffende aber nicht erreichen.

Nein, Corona ist längst noch nicht vorbei. Wie sehr das Thema noch immer überall auf den Nägeln brennt, hat die Krisenkommunikations-Katastrophe rund um die „Oster-Ruhe“ brutal gezeigt. Komplette Verunsicherung – und (endlich einmal) scharfer, flächendeckender Widerstand quer durch fast alle Bereiche der Gesellschaft. Ich denke, es ist höchste Zeit, dass sich auch Wuppertal an den Vorbildern Tübingen oder Rostock orientiert, kluge Öffnungsmodelle realisiert. Und dass der hiesige Krisenstab den immer gleichen Restriktions-Modus überwindet.

Eines gilt es festzuhalten: Der Kanzlerin ist ihre Entschuldigung und die persönliche Verantwortungsübernahme für das Oster-Debakel, das sie als ihren Fehler benannt hat, hoch anzurechnen. Solche Ehrlichkeit ist beinahe ausgestorben in der Politik.

Apropos Politik: Was mir große Sorgen macht: Wem wird das, was da jetzt gerade kocht, in die Karten spielen? Der schon länger Öffnungskonzepte vorschlagenden FDP? Von mir aus okay. Oder der komplett konzeptlosen AfD? Oh weh.