Wenn ein Regisseur sich einen so bekannten Stoff vornimmt wie „Der kleine Prinz“, dann gehört schon einiges an Erfahrung dazu, um eigene Akzente zu setzen. Jens Kalkhorst bringt nicht nur die Sterne zum Strahlen, die der französische Autor erschaffen hat, sondern auch neue „Stars“ auf die Bühne des freien Theaters.
Stina Schnickmann brilliert als kleiner Prinz, der seinen Planeten verlässt, um Freunde zu finden. Die junge Darstellerin gibt ihrer Figur eine vielschichtige Persönlichkeit, mal glücklich (wenn er seine Rose betrachtet), meist neugierig (wenn er neue Leute oder Tiere trifft), aber auch traurig und melancholisch bis hin zu depressiv. Ihr zur Seite steht ein großes und großartiges Ensemble mit einigen TTT-Neuzugängen wie Selina Wußow als Königin und Wüstenrosen) sowie Simon Spahlinger als die alte Blume oder Laternenanzünder.
In der werknahen Bühnenfassung von Jens Kalkhorst wird die philosophische Ebene multimedial untermalt. Es gibt viel zu sehen und zu hören. Noch bevor das Stück beginnt, bietet der Vorspann eine musikalische Licht-Show: Die audiovisuelle Integration und Ausstattung kommen von Heiko Siedenbiedel, die visuellen Darstellungen und Illustrationen von Dana Barko.
Eine Reise durchs Weltall beginnt. Dann: Auftritt des Piloten (Joachim Sieper), der wie einst Antoine de Saint-Exupéry in der Wüste notlanden muss. Er ist der Erzähler im Stück und seine Geschichte handelt von seiner Zeit mit dem kleinen Prinzen, dessen Erlebnissen und Erkenntnissen.
Das Bühnenbild ist sparsam, nur eine Tragfläche vom Flugzeug und später mal Requisiten wie ein Tisch oder Brunnen. Das ist gut so, denn die visuellen Einspielungen, die auf dünne Vorhänge projiziert werden, bieten zusammen mit den kreativen und aufwendigen Kostümen (auch neu im Team: Marlies Karsten) sehr viel „Augenscheinliches“. Zudem spielen die Szenen auf unterschiedlichen Ebenen auf der Bühne. Wenn dann noch Musik und Tanzeinlagen dazukommen, wie das Liebesballett des kleinen Prinzen mit seiner Blume (Jacqueline Kellner), gerät man als Zuschauer in einen Rausch von Eindrücken. Es bleibt kaum Zeit zum Nachdenken, denn schon geht’s zum nächsten Planeten – beziehungsweise zur nächsten Szene.
Überall stellt der Besucher fest, dass er nicht als Person willkommen ist, sondern wenn überhaupt, dann nur in einer Funktion. Alle sind mit sich beschäftigt. Die Königin will ihn als Untertanen, die Eitle ihn als Bewunderer. Der Säufer (Hartmut Kies) versinkt in (gemalten) Flaschen und Selbstmitleid, der Geograph (Maurice Kaeber) in Schlaf, der Astronom (Niklas Selz) in Planeten. Es ist herrlich anzusehen, wie durch Regie, Kostüm und Maske (Marc Pham) die Figuren aus dem Buch zum Leben erwachen. Kleider, Hüte, Details, Farben: Es ist bunt und opulent.
Wunderbar grün-schillernd ist das Kostüm der Schlange (Desirée Ackermann), die den kleinen Prinzen schließlich auf seine letzte Reise schickt. Herzerwärmend kommt der Fuchs (bewegende Darstellung von David Meister) in seinem roten Samtanzug daher, der dem kleinen Prinzen ein Freund sein will. Von ihm stammt die Lehre: „Du bist für deine Rose verantwortlich“. Mit dieser Erkenntnis verlässt der kleine Prinz die Erde und lässt nicht nur den Piloten, sondern auch das Publikum mit einem Wechselbad der Gefühle zurück.
Eine grandiose, fulminante Produktion, die zwei Stunden lang zum Nachdenken und Hinschauen anregt – und zwar nicht nur in der Weihnachtszeit.