Nach Toreschluss - die Wochenend-Satire: Behelfswuppertaler

Nach Toreschluss - die Wochenend-Satire : Behelfswuppertaler

Ich habe ein neues Lieblingswort: "bauzeitliche Behelfsbrücke". Dabei handelt es sich um den von Technokraten im Endstadium erfundenen Fachbegriff für jenes Gebilde, das seit einer Woche die fußläufige Verbindung zwischen der Elberfelder City und dem Hauptbahnhof sichert.

Falls Sie das Glück hatten, noch nicht über dieses Meisterwerk frühmittelalterlicher Ingenieurskunst gegangen zu sein, hier mein Eindruck nach einem ersten Selbsttest.

Der Winterdienst auf der Brücke funktioniert noch nicht optimal. Rundschau-Leser Klaus Döring: "Der Schnee bleibt liegen, und wo viele Menschen gegangen sind, bildet sich Matsch.Es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, was daraus wird, wenn er gefriert.". Foto: Klaus Döring

Beginnen wir mit dem äußeren Erscheinungsbild, das die Konstruktion von der Schloßbleiche aus gesehen bietet: Von hier fallen zunächst hoch oben die gewaltigen Querträger ins Auge. Sie sehen aus, als hätte Rübezahl mit verrosteten Schwebebahnstützen gespielt und sie dann hingeschmissen, weil er schnell wieder ins Riesengebirge zum Abendessen musste. Um Menschen dort hinauf zu befördern, hat die Stadtverwaltung einen bisher nur mit Lego Duplo vertrauten fünfjährigen Nachwuchskonstrukteur damit beauftragt, eine bauzeitliche Behelfstreppe zur bauzeitlichen Behelfsbrücke zu errichten.

Das Gerüst dieser Treppe bilden dünn mit Aluminium ummantelte Stangen aus Wackelpudding, zwischen die Stufen aus Lochblech gehangen wurden. Dieses Bauprinzip kennen Sie möglicherweise noch vom IKEA-Regalklassiker "Peter", der für seine Instabilität weltberühmt war. Dementsprechend fühlt man sich während des Aufstiegs wie beim Gang auf die Brücke eines Nordseekutters bei Windstärke zehn. Weil die bauzeitliche Behelfstreppe zudem deutlich breiter ist als Regal "Peter", hängen die Blechböden beim Betreten noch stärker durch als die aktuelle Ausgabe vom Dschungelcamp.

Wer beim Aufstieg sich und seine Angehörigen gut festhält, wird oben zwar mit einer wunderbaren Aussicht auf unsere Größtbaustelle Döppersberg belohnt, aber leider nicht mit einem Wetterschutz oder gar einer Überdachung. Wegen des bekanntlich eher mediterranen Klimas in Wuppertal hätte sich das für drei lumpige Jahre wahrscheinlich nicht gelohnt. Außerdem wäre es dann auch keine Behelfs-, sondern eine Art bauzeitlicher Rialto-Brücke geworden, die das Land als überflüssigen Luxus in Dritte-Welt-Ländern wie Wuppertal nicht fördert.

Am Ende der Brücke geht es immerhin ebenerdig weiter, bis der Bahnhof einem den Rest gibt. Es handelt sich bekanntlich um Deutschlands einzigen Behelfshauptbahnhof, dessen Bauzeit noch gar nicht begonnen hat und vielleicht auch nie beginnen wird. Bis dahin gibt es hier nicht einmal einen Behelfskiosk, was für Reisende eher unbeholfen wirken dürfte. Für mich verdichten sich damit die Anzeichen, dass wir alle dabei sind, bauzeitliche Behelfswuppertaler zu werden ...

Bis die Tage!

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