Nach Toreschluss - die Wochenend-Satire Wuppertal-Philosophie

Wie wir soeben erfahren, soll unser Hauptbahnhof nicht saniert werden. Im Grunde ist er ja auch noch gut. Für eine verlassene Kleinstadt in Sibirien oder im mittleren Kaukasus wäre er wahrscheinlich sogar gar nicht mal schlecht.

 Rundschau-Redakteur Roderich Trapp.

Rundschau-Redakteur Roderich Trapp.

Foto: Bettina Osswald

Zumal ja auch kaum noch Züge ankommen, deren Passagiere beim Aussteigen angesichts des Panoramas befürchten könnten, der 2. Weltkrieg wäre doch noch nicht vorbei.

Ihren nicht mehr existenten Bedarf an Zeitungen und Zeitschriften decken die nicht mehr vorhandenen Fahrgäste aus den hier nicht mehr haltenden Zügen dann in Zukunft übrigens in der ebenfalls verschwundenen Bahnhofsbuchhandlung, Dazu fällt mir nur noch der legendäre Titel der ersten Striekspöen-CD ein: "Siehste - dat is Wuppertal"...

Diese singenden Wuppertal-Botschafter haben gestern übrigens völlig zu Recht eine Auszeichnung für ihre Verdienste um die Pflege der deutschen Sprache verliehen bekommen. Er heißt "Die Eule" — was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Striekspöen (möglicherweise ganz unbewusst) schon 2008 die aktuelle Situation auf unserem kaukasischen Hauptbahnhof in diese wunderbaren Liedzeilen gegossen haben:

Du häss dat Temperament van twäntich Schlooptabletten,
blos kin Gedöns, ne, du wellst dinne Rauh.
Blos kin Spektakel, Glitter un Pailletten,
dinne Lewlingsfärf es trübes Regengrau.

Auch wer dieser Tage 45 Minuten vom Kasinokreisel bis zum Robert-Daum-Platz gebraucht hat, hat jetzt bestimmt gerade mitgesungen. Die Strophe stammt übrigens aus dem großartigen Song "Woröm grad du?", der sich mit den Grundfragen der Wuppertaler Existenz beschäftigt: Was mache ich eigentlich hier? Warum bin ich noch nicht weg? Und wie lange muss ich wohl noch? Selbst die mit allen Wupperwassern gewaschen Striekspöen bleiben eine wirklich überzeugende Antwort schuldig und formulieren eher wehmütig:

Wenn et deck nit göw, et wöd meck glatt wat fehlen,
ok wenn eck manchmol garnit wet, wat meck hie hölt.
Öm dinne Liebe mot eck betteln, mot se stehlen,
woröm grad du? So groat is doch de Welt.

Philosophisch betrachtet bewegt sich der Wuppertaler also im Spannungsfeld zwischen "Hier hält es doch kein Mensch mehr aus" und der tiefen Überzeugung "Woanders ist auch Scheiße". Ertragen kann das der Wuppertaler nur, weil er aus dem deprimierenden lokalen Status Quo die Zuversicht gewinnt, dass es in jeder Hinsicht nur besser werden kann. Dank seiner bemerkenswerten mentalen Stärke verkraftet er dabei sogar, dass er dasselbe vor zehn Jahren auch schon gedacht hat...

Und so schließe ich mit einer Strophe aus einem anderen bewegenden Striekspöen-Song, die allen am Hauptbahnhof schockgefrosteten Reisenden, am Robert-Daum-Platz verhungerten Autofahrern und vor der leeren Ladenkasse weinend zusammengebrochenen Einzelhändlern Hoffnung geben soll:

Solang au'm Berg en Lämpken brennt, solang wollen vie noch nit gon.
Solang au‘m Berg en Lämpken brennt, blift Elwerfeld bestonn...


Bis die Tage!

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