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Marburger Bund Bayern: Ärzte stoßen an ihre Grenzen

Marburger Bund Bayern : Ärzte stoßen an ihre Grenze

Die Corona-Pandemie hält Deutschland schon seit beinahe zwei Jahren in Atem. Nun rollt in der Bundesrepublik die vierte Welle mit bislang fulminantem Verlauf. Auch die Impfkampagne scheint den Neuinfektionszahlen nur wenig entgegensetzen zu können. Und wenngleich Impfungen schweren Verläufen vorbeugen, ächzt das Gesundheitssystem unter der Last. Eine Mitgliederbefragung des Marburger Bundes Bayern offenbart: Die Situation gleicht einer Grenzerfahrung.

Mehr als 2.800 Menschen nahmen an Befragung teil

Zwischen dem 12. und dem 18. November 2021 befragte der Marburger Bund Bayern insgesamt über 2.800 Ärztinnen und Ärzte, welche in Krankenhäusern innerhalb des Freistaats arbeiten. Unter dem Titel „Corona-Situation in den bayerischen Kliniken“ wollten die Verantwortlichen die Sicht der Teilnehmenden auf die derzeitige Lage wissen. Außerdem erhoben sie zusätzlich Informationen rund um die Berufstätigkeit.

Etwa 85 Prozent aller Fragebögen wurden von Menschen zwischen 30 und 40 Jahren ausgefüllt, 64 Prozent hiervon sind weiblich. Ein Großteil der Befragten, nämlich 62 Prozent, arbeitet zwischen 30 und 39 Stunden wöchentlich; 34 Prozent zwischen 20 und 29 Stunden. Fast zwei Drittel der Medizinerinnen und Mediziner sind in öffentlichen Häusern tätig. Viele arbeiten in Kliniken mit mindestens 400 Betten.

Die Hoffnung auf eine sichere Versorgung schwindet

Im Rahmen der Befragung zeigte sich: Über ein Drittel der Teilnehmenden fürchtet bereits jetzt ein Erreichen der Kapazitätsgrenzen in rund einem Monat. Die Versorgung der Patientinnen und Patienten sei schon zum aktuellen Zeitpunkt akut gefährdet, so der Bericht. Auch erfahren viele Klinikärztinnen und -ärzte derzeit das Gefühl, an die Grenzen ihrer persönlichen Belastbarkeit zu stoßen.

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Lediglich 40 Prozent gaben an, ihre Arbeit unter den jetzigen Rahmenbedingungen noch vier weitere Wochen leisten zu können; 27 Prozent waren sich diesbezüglich unsicher oder fühlten sich ohnehin nicht, als könnten sie eine Wahl treffen. Im Vergleich mit der Lage vor einem Jahr, als gerade die zweite Welle anrollte, trauten sich 56 Prozent der Befragten das Weiterarbeiten für vier Wochen und mehr zu. Hier wird folglich eine Verschlechterung der Situation erkennbar.

Einschneidende Veränderungen im Klinikalltag

Rund 75 Prozent der Krankenhausärztinnen und -ärzte berichteten davon, in den zehn Tagen vor der Befragung Einschränkungen bei der Behandlung von nicht an Corona erkrankten Patientinnen und Patienten vorgenommen zu haben. Dies, weil die verfügbaren Kapazitäten zurzeit vermehrt von Coronaerkrankten in Anspruch genommen werden. Vor einem Jahr äußerten sich nur 54 Prozent der Teilnehmenden derartig, was erneut dafür spricht, dass die vierte Welle als besonders brisant empfunden wird.

Unterbesetzte Stationen sowie Abteilungen sorgen zusätzlich dafür, dass immer mehr Assistenzärztinnen und -ärzte auf Corona-Stationen aushelfen müssen. Dies geschieht, um die Versorgung der dort liegenden Patientinnen und Patienten aufrechterhalten zu können, wirkt sich jedoch negativ auf die Qualität der medizinischen Weiterbildung aus.

Zum Tätigkeitsfeld der Assistenzärzte gehört für gewöhnlich ein Rotationssystem, in dem sie möglichst viel Praxiserfahrung sammeln können. Dies ist unter den derzeitigen Bedingungen allerdings nur schwer umsetzbar. Rund 45 Prozent der aktuell in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzte möchte daher das Arbeitsumfeld wechseln und nicht länger in Kliniken tätig sein.

Personalmangel nicht erst seit Corona präsent

Wie der Marburger Bund Bayern in der Zusammenfassung anmerkt, handelt es sich beim Personalmangel in der ärztlichen Versorgung nicht um ein Problem, das erst seit COVID-19 existiert. In bayerischen Kliniken gab es schon vor der Pandemie eine tendenzielle Unterversorgung, welche sich nun noch weiter verschärft.

Für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung ist das ein großes Problem. Rund 83 Prozent von ihnen bezeichnen den Personalmangel als Hauptursache für Schwierigkeiten bei der Weiterbildung. Zusätzlich erschweren laut Befragung auch zu wenig Flexibilität bei Rotationsplänen und mangelhafte Kinderbetreuung die Weiterbildung.

Pandemiewelle Nummer vier: Nicht nur für Coronapatienten ein Problem

Selbstverständlich dreht sich in den Kliniken zurzeit nicht alles um Corona, wenngleich das Virus in nahezu allen Bereichen großen Einfluss nimmt. Operationen abseits von Notfallsituationen müssen immer häufiger verschoben oder abgesagt werden. Zudem kommt es zu Bettensperrungen, da nicht genügend Personal für deren Betrieb bereitsteht.

Wie sich die gegenwärtige Lage auf den Intensivstationen darstellt und in welchen Teilen Deutschlands die Auslastung besonders hoch ist, zeigt der tägliche Report der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Auch im Rahmen der Befragung des Marburger Bundes Bayern gaben einige Teilnehmende an, dass es in ihrer Einrichtung zu personalbedingten Sperrungen von 10 bis 20 Prozent der Betten kommt.

Nicht nur Coronapatienten, sondern auch andere Menschen in medizinischen Notfallsituationen mit Bedarf für ein Intensivbett, könnten unter den derzeitigen Bedingungen – und vor allem bei einer weiteren Verschärfung – kaum mehr wie gewohnt versorgt werden. In der Befragung berichtet ein Teilnehmer davon, dass dringende Tumor-Operationen nur noch in reduziertem Maße durchgeführt werden könnten und dass es auch bei der Versorgung von Notfällen deutliche Einschränkungen gebe.

Nicht überall testen sich auch die Geimpften

Wie aus den Antworten der Teilnehmenden hervorgeht, testen sich in 47 Prozent der Kliniken alle Mitarbeitenden regelmäßig auf das Coronavirus. In 39 Prozent der Fälle testen sich nur die ungeimpften Mitarbeitenden und bei 13 Prozent gibt es abweichende Regelungen.

Bezüglich der Tests sei jedoch gesagt, dass auch Geimpfte schon wenige Monate nach ihrer zweiten Impfung wieder infektiös sein und das Virus weitergeben können. Vor diesem Hintergrund stellt eine Testung aller Menschen unabhängig vom Genesenen- oder Impfstatus auch bei Veranstaltungen wie den Wuppertaler Weihnachtsmärkten laut einiger Stimmen die sicherste Option dar.

Unter den Befragten machen sich unabhängig von Teststrategie und Auslastung Zorn und Traurigkeit breit. Sie bedauern unter anderem die fehlende Solidarität seitens Ungeimpfter, da diese teilweise vermeidbar Intensivbetten belegen würden, welche andere Menschen bräuchten.

Sicher sind sich einzelne Teilnehmende außerdem auch hinsichtlich der Zukunft. Den Glauben, dass die Versorgung nach der Pandemie wieder auf hohem Niveau weiterlaufen könnte, scheinen manche bereits verloren zu haben. Stattdessen rechnen sie damit, dass ein Wiederaufbau unter großen Anstrengungen nötig werden könnte.