Frau F. steht auf einem Parkplatz, raucht eine Zigarette und sagt: „Das Gesundheitssystem ist so ungerecht.“ Sie trägt einen großen Fellmantel und Lippenstift. Während sie an ihrem Glimmstängel zieht, könnte man meinen, sie sei eine Schauspielerin aus Hollywood. Doch vor ihrem Ruhestand war sie Ärztin – und verschrieb sich ihre Medikamente selbst. Weil die private Krankenkasse zu teuer wird und sie die Beiträge nicht mehr bezahlen kann, fliegt sie 2010 aus der Versicherung – und landet auf diesem Parkplatz in Solingen-Ohligs.
Er gehört zur derzeit einzigen Arztpraxis im Bergischen Land, die Menschen ohne Krankenversicherung behandelt. Die Einrichtung hat sich zur inoffiziellen Anlaufstelle für Wuppertaler etabliert. Denn in der eigenen Stadt gibt es lediglich das Medimobil, einen Krankentransporter von Ehrenamtlichen der Tafel, die ihrerseits auf ein Wunder hoffen. Die medizinische Versorgung für Unversicherte in Wuppertal: ein chronisch kranker Patient. Besserung in Sicht? Mitnichten – im Gegenteil.
Dabei begann etwa die Geschichte des Medimobils in Wuppertal so märchenhaft: 1997 spendeten die damaligen Eigentümer des Wuppertaler Rettungsdienstes Kießling eines ihrer Fahrzeuge der Tafel. Anfangs begegneten die Bedürftigen dem Angebot zwar mit Skepsis, doch schnell entwickelte sich der Sanitärwagen zu einer beliebten Adresse unter Menschen in Not. Das ehrenamtliche Team behandelte nicht nur kranke Patienten, sondern verteilte auch Kleidung. Eine Anekdote besagt etwa, dass einmal ein Mann auftauchte, der keine Socken und Schuhe trug. Andere kommen nach jahrelanger Behandlung nie wieder. Viele sind Stammkunden – und sie lassen sich regelmäßig behandeln.
Die Ehrenamtlichen des Medimobil-Teams arbeiten in der Gesundheitsbranche, allerdings dürfen nur die Ärzte rezeptpflichtige Medikamente verschreiben. Und von denen sind es seit Ausbruch der Corona-Pandemie weniger geworden: Waren es einst mehrere Mediziner, die regelmäßig mitfuhren, begleiten aktuell nur noch zwei teilweise das Medimobil: der pensionierte Internist Gerhard Schmid-Holte sowie Hausarzt Upali de Silva aus Wuppertal. Laut den Verantwortlichen liege das daran, dass die Arbeitszeit vieler Ärzte in ihrem Hauptberuf gestiegen sei.
Zur misslichen Lage gesellt sich, dass sich die Zahl der Patienten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. Derzeit kommen rund 80 Personen pro Sanitätsschicht. Weiteres Problem: Die Wunden der Hilfesuchenden „werden immer dramatischer“, sagt Klaus Butterweck. Diese und häufig auftretende Abszesse benötigten eine Behandlung bei einem Arzt. „Mir fehlt eine Praxis, an die ich die Menschen vermitteln kann“, so der 65-Jährige.
Butterweck, geboren in Wuppertal, ist Teamleiter des Krankentransporters und fährt nahezu jeden Donnerstag mit. Vor seiner Rente arbeitete der zweifache Vater als Berufsfeuerwehrmann und Rettungssanitäter. „Ich bin gesund, deswegen helfe ich Kranken“, erklärt er. Allerdings komme er bei großen Beschwerden an seine Behandlungsgrenzen und müsse „die Gäste“, wie er die Patienten nennt, weiterschicken: „Ich empfehle ihnen, entweder in die Ambulanz zu gehen, um es dort zu versuchen, oder sich einen Behandlungsschein beim Sozialamt zu besorgen.“
Der Besuch des Medimobils erweist sich jedoch als wesentlich einfacher als die oben genannten Optionen: Die Behandlung sei kostenlos und den Patienten werde auf Augenhöhe begegnet, sagt Butterweck. Es gibt rezeptfreie Medikamente, wie etwa Schmerzmittel oder Vitamintabletten und, falls ein Arzt anwesend ist, werden auch Arzneimittel verordnet.
Das Medimobil ist für viele Stammkunden unverzichtbar, doch es kann die unzureichende Versorgung nicht alleine stemmen. Deshalb verschlägt es immer mehr Wuppertaler nach Solingen. Sieben Minuten vom dortigen Hauptbahnhof entfernt, liegt in einem denkmalgeschützten Backsteinkomplex die „Praxis ohne Grenzen“.
Im Behandlungszimmer sitzt Dr. Christoph Zenses. Der 66-Jährige mit runder Brille ist stadtbekannt – für sein Engagement für Menschen in prekären Lebenslagen. Der Mediziner hat sich in Solingen ein Netzwerk aus Ärzten aufgebaut, die Versorgungen zum Mindestsatz anbieten. 15 von ihnen übernehmen zudem ehrenamtlich die Sprechstunden, die jeden Donnerstag zur Mittagszeit stattfinden.
Zenses schlägt Alarm: „Die Hälfte meiner Patienten kommt aus Wuppertal, das Angebot platzt aus allen Nähten.“ Unter Schwangeren seien es rund 70 Prozent aus der Schwebebahnstadt, die seine Praxis aufsuchen, weil sie in Kliniken ohne Krankenversicherung abgewiesen würden. Mit dem Städtischen Klinikum in Solingen hat Zenses eine Kooperation vereinbart, die es Frauen ermöglicht, ihre Kinder dort zu entbinden. Die Kosten von nur 700 Euro übernimmt seine Einrichtung.
Insgesamt behandelt Zenses pro Jahr rund 600 Patienten. „Niemand wird weggeschickt“, sagt er. Häufig schließt die Einrichtung deshalb später als erwartet. Etwa ein Drittel der Patienten leidet an chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Rheuma, aber auch an psychischen Erkrankungen. Hinzu kommen obdachlose Menschen, die eine Wundversorgung benötigen.
Was alle gemeinsam haben: Sie stammen aus prekären Verhältnissen oder hatten viel Unglück. Wie Frau F., die vor der Praxis wartet. Sie leidet unter Diabetes, holt ihre Medikamente ab. Ohne Zenses’ Praxis wäre sie aufgeschmissen.