Grüner Zoo Wuppertal will Geschichte der Artenvielfalt mitschreiben

Grüner Zoo Wuppertal : In der Welt bedroht, bei uns zu Hause

Der Eisbär in der schmelzenden Arktis ist zum Symbol des Artensterbens geworden, die letzte Szene eines Weltuntergangsfilmes. Denn tatsächlich: Es könnten eine Million Tier- und Pflanzenarten ganz verschwinden, das zeigt der vergangene Woche vorgestellte UN-Bericht zum weltweiten Artensterben. Es steht ernst um unsere Natur, aber der Film ist eben noch nicht abgedreht. Noch lässt sich der Plot wenden. Und der Grüne Zoo Wuppertal versucht, die Geschichte über die Zukunft der Artenvielfalt mitzuschreiben.

Die Socorro-Taube sitzt auf dem Boden und scharrt nach Futter, während die Zoobesucher an ihr vorbei Richtung Pinguin-Anlage ziehen. Auch in ihrer Voliere könnte der Vogelfreund sie neben dem hübschen Bali-Star mit seinem glänzend weißen Gefieder übersehen. Er könnte den grauen Vogel mit der blassrosafarbenen Brust anschauen und ihn im selben Moment wieder vergessen.

Denn er ist eben nur eine Taube. Eine Taube aber, und das ist ihre traurige Besonderheit, die in Wuppertal lebt, die aber in ihrer Heimat, der mexikanischen Insel Socorro, seit den 70er Jahren nicht mehr vorkommt. In der freien Wildbahn ist sie ausgestorben.

Andreas Haeser-Kalthoff und das Kuratorenteam des Zoos wissen darum. Deshalb nehmen sie an einem Erhaltungszuchtprogramm teil, das das Überleben dieser Art sichern könnte. „Denn so lange es zwei fortpflanzungsfähige Exemplare gibt“, sagt der Diplom-Biologe, „gibt es immer Hoffnung.“

Was bedeutet es für die Natur, wenn eine Art nicht mehr existiert? Die Konsequenz, die das Aussterben der Taube auf Socorro ins Rollen gebracht hat, können selbst Experten in in ihrer ganzen Komplexität kaum abschätzen. Was hat die Taube dort gefressen? Und wer hat die Taube gefressen? Welche Parasiten sind von ihr abhängig gewesen, was für Milben versteckten sich unter ihren Federn? „Ich bin kein Freund davon zu sagen, dass ganze Ökosysteme zusammenbrechen“, so Haeser-Kalthoff. Aber jedes Lebewesen besetzt auf diesem Planeten eine ökologische Nische, sein Fortsein schafft ein Vakuum, das neue Arten einnehmen und das unzählbare Verschiebungen in der Pflanzen- und Tierwelt nach sich ziehen wird.

Der Waldrapp streckt seine Flügel über seine ganze Spannbreite von über einem Meter aus, als wolle er vor der Kamera von seinem kahlen, warzigen Schädel ablenken. Vor langer Zeit, rund 400 Jahre ist das her, lebte der Zugvogel mit dem faltigen Kopf und dem glänzenden schwarzen Gefieder auch in Deutschland. Seit dem 17. Jahrhundert ist er in Westeuropa ausgerottet, sein Fleisch galt als Delikatesse. Heute brütet er immerhin in Wuppertal. Die Küken ziehen nicht wie im Mittelalter frei durch die hiesigen Lüfte, aber begleitet von Zoologen in Käfigen gen Süden. „Neun Küken“, erzählt Andreas Haeser-Kalthoff, „wurden vergangenes Jahr nach Spanien gebracht.“ Dort ist die Wuppertaler Brut Hoffnungsträger in einem Wiederansiedlungsprojekt, das die Zukunft des vom Aussterben bedrohten Waldrapps sichern soll. Werden die in Wuppertal geschlüpften Vögel das Ziehen lernen? Die mit Sender versehenen Tiere werden genaustens beobachtet und die Wuppertaler von ihren spanischen Kollegen informiert.

So richtig exotisch sieht das grau-braune Schwein, das im Bergischen Dreck wühlt, erst bei genauem Hinsehen aus – und auch sein Name, Hirscheber, lässt nicht von allein auf seine Herkunft, den tropischen Regenwald, schließen. Besonders auffallend sind die durch die Rüsseldecke wachsenden Eckzähne, ein stolzes Symbol des Ranges. „Der Hirscheber wird nicht häufig in Zoos gehalten“, berichtet Andreas Haeser-Kathoff, der sich noch mehr Aufmerksamkeit für das durch Bejagung und Zerstörung seines Lebensraums gefährdete Schwein wünscht. Auf die Hirscheber und die anderen bedrohten asiatischen Arten soll zukünftig in Wuppertal das Rampenlicht gerichtet werden. In der vom Zoo-Verein geplanten neuen Anlage „Pulau Buton“ sollen sie zukünftig gemeinsam leben und gezeigt werden. Und mit ihnen ihre Geschichte und die ernste Sorge um ihren Lebensraum. Der Zoo-Verein ist aber auch vor Ort aktiv. Seit diesem Jahr unterstützen die Wuppertaler ein Schutzprojekt für die Hirsch-eber auf der indonesischen Insel Sulawesi.

Der Schneeleopard lebt erst seit 2017 in seiner neuen Anlage an der Hubertusallee – und während er hier Kinder und Eltern in seinen Bann zieht, gilt er in seiner Heimat als Feind mancher Familie. Die Wuppertaler Schneeleoparden und die staunender Besucher haben ebenfalls direkten Einfluss auf die Population der vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden im Himalaya. Denn der Wuppertaler Zoo beteiligt sich an Schutzbemühungen zur Erhaltung der als stark gefährdet eingestuften Raubkatzen. „Wir Europäer schauen auf die Länder, in denen die Tiere vorkommen, oft von einem sehr hohen Ross. Und übersehen, dass Bauern im Himalaya keine Ausgleichszahlungen des Staates erhalten, wenn ein Schneeleopard ihre Ziegen reißt.“ Und so ist der Abschuss der bedrohten Katzen oft kein Akt roher Grausamkeit, sondern existenzsichernde Notwehr der Landbevölkerung.

Um die Lebensgrundlage der nepalesischen Bauern von Wuppertal aus zu unterstützen, sollen schon bald genau aus jenen Dörfern Produkte wie handgefertigte Babyschuhe in der Zoo-Truhe verkauft werden. Der Erlös fließt wieder direkt zurück nach Nepal.

Dass Artensterben aufhaltbar ist, davon können die freundlichen dunklen Augen der Milus erzählen, die es eigentlich schon einmal in ihrer Heimat China nicht mehr gab. Doch die wenigen Exemplare der asiatischen Hirsche in zoologischen Gärten reichten, um eine erfolgreiche Aussiedlung zu ermöglichen. Seit 1985 grasen sie wieder in China, leben sogar auch außerhalb von Reservaten. Eine echte Erfolgsgeschichte des Artenschutzes.

Andreas Haeser-Kalthoff und das Team des Wuppertaler Zoos möchten mehr solcher Geschichten schreiben. Und sie in Wuppertal den Besuchern erzählen. Genug davon gibt es, ein Drittel der rund 450 Arten des Zoos sind in ihrer Heimat vom Aussterben bedroht oder als gefährdet eingestuft. „So lange es Exemplare zur Fortpflanzung gibt, können wir das ändern und ein endgültiges Aussterben verhindern“, sagt Andreas Haeser-Kalthoff: „Und genau das ist in Zeiten mit dunklen Schlagzeilen über das Artensterben unsere frohe Botschaft.“

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