Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Das Weihnachtswunder

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Das Weihnachtswunder

Der Anblick traf mich völlig unvorbereitet. Sekundenlang verharrte ich wie in Schockstarre mit geschlossenen Augen. Dann lupfte ich vorsichtig die Lider, um mich zu vergewissern, dass ich nicht geträumt hatte oder einer Fata Morgana aufgesessen war, was bei um die Null Grad weit außerhalb der Wüste allerdings auch unwahrscheinlich gewesen wäre.

Aber es konnte keinen Zweifel geben - er stand da wirklich und wahrhaftig direkt vor mir: ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum in der Elberfelder Fußgängerzone! Und der war nicht etwa von wohlmeinenden Ladenbesitzern aufgestellt worden, sondern gehört tatsächlich zum neuen Elberfelder Weihnachtsmarkt. Schon Tage vor der offiziellen Eröffnung strahlte er mich mit leuchtenden Kerzen, roten Schleifen und goldenen Kugeln an. Und auf dem ganzen Kirchplatz verteilt standen noch viel mehr von seiner Sorte.

Vor ihnen lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, waren sie doch soeben des vielleicht größten aller Weihnachtswunder angesichtig geworden: niveauvolle Weihnachtsdekoration in Elberfeld! Jenem verlorenen Ort also, dessen Besucher jahrelang vergeblich zwischen Ständen mit Nikolaus-Mobilfunkvertragsangeboten, bulgarischen Verkäufern peruanischer Schafswollartikel aus China, leuchtenden Plastikwassertanks und mit Kabelbindern an Straßenschildern befestigten Tannen verzweifelt nach adventlicher Stimmung suchten. Der Ort, wo sich im Zeichen des Festes der Liebe Veranstalter und Geschäftsleute so lange um die Weihnachtsbeleuchtung stritten, bis alle Lichter ausgingen ...

Jetzt aber entdecken wir dank eines neuen Organisators neben dem bruchsteinernen Kirchturm auch noch eine Eislaufbahn und eine imponierende Batterie wurzelhölzerner Bänke, Tische und Unterstände, an denen künftig der allseits heiß geliebte Lions-Glühwein in lauschiger Umgebung getrunken werden kann. Es scheint fast, als hätte der Herrgott es einfach nicht mehr mitansehen können, wie seine nach diesem Wein dürstenden, frierenden Schäflein in den vergangenen Jahren am kahlen Kasinokreisel Regen und Fallwinden ausgesetzt wurden, auf dass an ungefähr drei wackeligen Stehtischen möglichst wenig für den guten Zweck verzehrt werden würde ...

Weihnachtsstimmung in Elberfeld früher ... Foto: Wuppertaler Rundschau

Eigentlich hätte es ja gar kein Weihnachtswunder, sondern nur ein bisschen Gehirn gebraucht, um darauf zu kommen, dass ein Kirchplatz besser für Weihnachtsmarkt geeignet ist als der gar nicht vorhandene Platz zwischen C&A und Rossmann. Aber in Wuppertal dauert ja vieles gerne etwas länger.

Bis die Tage!