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Kommentar zur Oper unter dem neuen Intendanten Berthold Schneider: Er fordert das Publikum heraus

Kommentar zur Oper unter dem neuen Intendanten Berthold Schneider : Er fordert das Publikum heraus

Keine Frage: Opernintendant Berthold Schneider hat einen furiosen Saisonstart hingelegt. Zwei bejubelte Opernpremieren an einem Wochenende haben ein ganz überwiegend positives Echo auch in der überregionalen Presse gefunden.

In der vorigen Woche ist das Pulcinella-Projekt mit 150 begeisterten Wuppertaler Kindern viel versprechend gestartet. Noch wichtiger: Plötzlich sprechen viele Wuppertaler wieder positiv über "ihre" Oper. Schneider hat vieles richtig gemacht.

Was passiert da eigentlich gerade? Die Qualität der einzelnen Produktionen in den vergangenen beiden Kamioka-Jahren war ja keineswegs so schlecht, wie jetzt mancher behauptet. Und Schneider wird erst noch beweisen müssen, dass er ein gutes Ensemble aufbauen und, noch schwieriger, auch halten kann. Aber anders als sein Vorgänger setzt er nicht einfach Opernhäppchen zur gefälligen Degustation vor, sondern fordert das Publikum heraus.

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Etwa mit den Bildern von Jens Grossmann im Spielplanheft, auf dem Programm und im Opernhaus selbst. Bilder aus Katastrophengebieten, die gar nicht konkret mit einzelnen Opern zu tun haben, die aber sehr deutlich machen, worum es uns (auch und gerade im Theater) gehen sollte: Um die große Frage, wie wir unsere Welt gestalten wollen.

Wie sein Vorvorgänger Johannes Weigand sucht Schneider die Vernetzung in der Stadt. Kamiokas Theater war austauschbar — Schneider möchte, so der Eindruck, ein Theater ganz konkret für Wuppertal machen, ein Theater, das es anderswo so nicht geben kann. Dass er dazu wenigstens ab und zu das Schauspiel aus dessen Nische im Mini-Theater am Engelsgarten ins große Opernhaus holt, ist gut und wichtig. Und Schauspiel-Chefin Susanne Abbrederis muss diese Chance unbedingt nutzen und ihr Haus künstlerisch stärker mit "großem Theater" profilieren.

Die freche, in Teilen sicher auch provokative Regie bei "Hoffmanns Erzählungen" zielt auch auf ein neues, junges Publikum. Gleichzeitig muss Schneider das dem Haus immer noch treue Stammpublikum erhalten. Gelingen kann der Spagat nur, wenn er wenigstens minimalen finanziellen Spielraum erhält — da ist die Lokalpolitik gefordert.

Mit seinem nahbaren Auftreten hat Schneider schon viele Sympathien gewonnen, ein Intendant ohne Berührungsängste mittendrin im Theaterleben — ganz anders als der wenig präsente Kamioka, viel ähnlicher zu Johannes Weigand. Um jemanden zu finden, der vergleichbar gesellschaftspolitische Visionen vom Theater formulierte, muss man bis zu Holk Freytag zurückgehen. Aber gerade diese Vision macht die Oper so spannend.

Man spürt: Da passiert etwas. Und das passt zur Aufbruchsstimmung, die in Wuppertal auch an ganz anderen Ecken — etwa der Utopiastadt — deutlich wird.

In diesem Sinne: Toi, toi, toi, lieber Berthold Schneider. Machen Sie aufregendes Musiktheater!