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Prozess in Wuppertal: Schreckschusspistolen und Pfefferspray statt Hund

Dritter Prozesstag : Schreckschusspistolen und Pfefferspray statt Hund

Im Prozess um die Messerattacke in den Räumen des Bezirkssozialdienstes am Uellendahl stand am Dienstag (29. Oktober 2019) der dritte Verhandlungstag an.

August 2015: Eine Frau klopft beim „Sozialdienst katholischer Frauen“ (SkF) an die Türe. Bepackt mit Tüten und Taschen, aus denen sie gleich Decken, Kuschelkissen und Leckereien für den Nachmittag holen wird. Den will die Frau mit ihrer kleinen Tochter verbringen – die ist damals sechs Jahre alt und lebt beim Vater. Die Eltern sind zerstritten, das Gericht hat einen begleiteten Umgang der Mutter mit dem Kind angeordnet. Alle zwei Wochen dürfen sich beide sehen, in einem Büroraum des Sozialdienstes. Nie ohne Begleitung einer Sozialpädagogin und immer so, dass sich die getrennt lebenden Ehepartner nicht begegnen. Spazierengehen, herumtollen, aus einem Buch vorlesen: Was auch immer beide miteinander tun, wird von einer „Umgangsbegleiterin“ beobachtet.

Die Frau fiebert dennoch den Samstagnachmittagen entgegen und kommt immer eine halbe Stunde früher. Der Raum, in dem sich ihre Tochter gleich an sie kuscheln wird, soll heimelig und gemütlich sein. Die Kleine soll sich geborgen fühlen – in einer Welt, in der den Eltern längst der Respekt füreinander verloren gegangen zu sein scheint. Sie packt die Leckereien aus, drapiert die Kuscheldecke auf dem Boden und holt die Geschenke aus der Tüte. Immer mit dabei: Hund Ole, den das Mädchen heiß und innig liebt. Jeder dieser Tage soll ein besonderer sein – weil es nur wenige davon gibt. Die gepackten Taschen, der Gang zum Sozialdienst und die glücklichen Momente mit der Tochter: Etwa 100 dieser Tage dürften es seither gewesen sein – 300 innige Stunden einer Mutter mit ihrem Kind.

Oktober 2019: Eine Frau sitzt auf der Anklagebank des Wuppertaler Landgerichtes. Sie soll ihren Ex-Mann und eine Sozialarbeiterin mit einem Messer schwer verletzt haben. Geplant war ein „Bilanzgespräch“ beim Bezirkssozialdienst am Uellendahl. Gekommen waren die Eltern und die Umgangsbegleiterin vom SkF, eingeladen hatte eine Sozialpädagogin vom Bezirkssozialdienst. Eigentlich hatte man über den begleiteten Umgang sprechen wollen, es war das erste Gespräch seit zwei Jahren. Auch diesmal hatte die Frau eine Tasche dabei – die riss ihr ein Sozialarbeiter nur Minuten später vom Arm, nachdem sie dem Mann gesagt hatte, dass sie eine Bombe dabei habe. Er war herbeigeeilt, nachdem er Schreie und Hilferufe aus dem Büro gehört hatte.

Die Sozialpädagogin, die eigentlich das Gespräch mit den Eheleuten hätte führen sollen, war da schon verletzt ins Nebenzimmer geflohen. Der Ex-Mann, mit Todesangst in den Augen, habe sich mit einem Stuhl gegen die Angriffe seiner Frau verteidigt und war dennoch später durch einen Messerstich verletzt worden. Als endlich die Polizei gekommen sei, sollen auch die Beamten anfangs mit der Situation überfordert gewesen sein. „Sie ist mit dem Messer auf die Polizisten losgegangen und hat gesagt: Erschießt mich doch!“, erinnert sich der Sozialarbeiter an eine Situation, die ihn noch Wochen später schlecht schlafen ließ.

Auch die schwer verletzte Sozialpädagogin hatte noch lange mit dem traumatischen Geschehen zu kämpfen. Sie will sich schon vorher gefürchtet haben vor der Frau, die an diesem Tag bewaffnet mit Messern, Schreckschusspistolen und Pfefferspray zum Bezirkssozialdienst gekommen war. Zuvor hatte die ihren Ex-Mann des sexuellen Missbrauchs der gemeinsamen Tochter verdächtigt – die Ansicht, der Vater sei eine Bedrohung für die mittlerweile Zehnjährige, konnte das Jugendamt hingegen nicht teilen.

Was sich nun am dritten Verhandlungstag im Gerichtssaal ausbreitete, eröffnete Einblicke in ein System, in dem Kinder durch Türen hindurch von der Mutter zum Vater und zurück geschoben werden. Meist hat vorher ein Gericht entschieden, dass der Staat ein Auge darauf zu werfen hat, was Eltern mit ihren Kindern machen. In diesem Fall hier griff er irgendwann im Jahre 2014 zum letzten Mittel: Mutter und Tochter wurden getrennt, das Kind kam zum Vater. Als es an der Türe schellte und die Mutter öffnete, standen dort die Polizei und Leute vom Jugendamt. Immer wieder soll die Angeklagte später von diesem Tag erzählt haben – man mag sich nicht vorstellen, wie so etwas abläuft. Die Umgangsbegleiterin vom SkF wird später sagen, dass sich Mutter und Kind innig geliebt und sich das gegenseitig auch immer wieder gesagt haben. Warum es seither dennoch nur 100 Tage waren, an denen sie sich sehen durften? Vielleicht wird der Prozess die Gründe noch ans Licht bringen.

Die Mutter soll umso trauriger geworden sein, je länger dieser Zustand angedauert habe. Ein fortwährender Ausnahmezustand sei das für die Frau gewesen – so jedenfalls hatte es die Umgangsbegleiterin wahrgenommen. Ihrer Tochter gegenüber habe sich die Mutter nie deprimiert gezeigt – im Gegenteil, deren Wohl habe immer im Mittelpunkt gestanden. Aber davor und danach habe die Frau zunehmend bedrückt gewirkt – gesagt habe sie dennoch oft nichts. „Da war ich ganz froh drüber. Was hätte ich mit solchen Befindlichkeiten auch anfangen sollen an einem Samstagnachmittag“, war von der Umgangsbegleiterin zu hören. In den letzten Monaten vor der Tat habe die Frau resigniert gewirkt.

Und nun sitzt sie wegen versuchten Totschlags auf der Anklagebank in einem Sicherungsverfahren und kämpft gegen die dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie. Der Prozess wird am 11. November fortgesetzt.