Wuppertaler Opernhaus spielt Mozarts "Hochzeit des Figaro" - Mai 2019

„Hochzeit des Figaro“ im Opernhaus : Eine absurde Komödie der Liebe

Brillant: Mozarts „Hochzeit des Figaro“ im Opernhaus. Unkonventionell, frech und bemerkenswert.

Kein Rokoko weit und breit. Kein gräfliches Schloss mit Zofe und Kammerdiener. Stattdessen muss ein weiß ausgeschlagener Kasten mit vier Türen als Kulisse reichen (Bühne: Johannes Schütz) – und das tut er voll und ganz. Hier ist nichts Illusion und alles erkennbar Theater.

Aber mit einer punktgenauen Personenregie und einem exzellent spielenden und singenden Ensemble haben Regisseur Joe Hill-Gibbins und Dirigentin Julia Jones spätestens nach ein paar Minuten das Publikum fest im Griff. Was folgt, sind drei Stunden brillante Musikkomödie, oft von Szenenapplaus unterbrochen, am Ende bejubelt.

Sicher gibt es vielschichtigere Inszenierungen des „Figaro“ als diese, die vor allem den Witz der Komödie bedient. Aber so falsch liegt Hill-Gibbins nicht, wenn er die Figuren ziemlich respektlos in moderne Kleidung steckt (Kostüme: Astrid Klein). Schließlich hatte Mozart 1786 ganz sicher keinen verklärenden Blick auf den Adel im Sinn, als er die inhaltlich brisante Oper (deren Text auf einem seinerzeit brandaktuellen Skandalstück basierte) an der Zensur vorbeischmuggelte.

Die Regie rettet manches von Mozarts gerne übersehener Modernität und Lust am Tabubruch in unsere Zeit hinüber, was nicht wenig ist.

Dazu unterläuft Hill-Gibbins immer wieder boshaft die Erwartungshaltungen. Graf und Gräfin (im Leoparden-Top) haben statt einer aristokratischen Aura den zweifelhaften Charme der Neureichen, Diener Figaro könnte als halbseidener Mafioso durchgehen, und der sonst so neckischen Kammerzofe Susanna wird als Kontrast ein denkbar biederes Kleid verpasst – und alles erweist sich als genau richtig, weil es den Darstellern durchweg gelingt, ihre Figuren wunderbar zu überzeichnen, oft nahe an der Pantomime (Choreographie: Jenny Ogilvie), sie aber gleichzeitig musikalisch zum Leben zu erwecken. Wer hier wem erotisch verfällt, das wird zunehmend unklar. Und damit auch, ob wir nicht doch schneller dem Zauber des Augenblicks erliegen als hehre Moral das wahrhaben will – und auch das ist sicher im Geiste Mozarts, und so kommt die Regie doch über die bloße Komödie hinaus.

In der hier besprochenen Aufführung hatte es Simon Stricker erkältungsbedingt die Stimme verschlagen, wodurch er den Grafen auf der Bühne nur spielen konnte, während Thomas Laske, langjähriges Mitglied des Hauses, am Bühnenrand beeindruckend stimmgewaltig sang.

Anna Princeva ist eine Gräfin mit sehr intensiven Pianissimo-Tönen und groß auftrumpfender Stimme, wenn es darauf ankommt. Sebastian Campione gibt einen souveränen, nuancierten Figaro, Ralitsa Ralinova eine lyrische und quirlige Susanna. Eine Entdeckung ist Iris Marie Soler mit warmem Mezzosopran als liebestoller Page Cherubino (mit Brille hat der beinahe intellektuelle Züge, auch so eine kleine Pointe der Regie).

Auch die weiteren Partien sind hervorragend besetzt – und, bei dieser Ensembleoper par excellence entscheidend, die Stimmen harmonieren ganz hervorragend.

In Bestform präsentieren sich auch Chor und Orchester. Unter dem spritzigen Dirigat von Julia Jones, die aber auch schöne Ruhepunkte setzt, ist die Partitur sehr differenziert durchgestaltet und orientiert sich am klaren Klangbild historisch informierter Aufführungspraxis.

Beispielhaft genannt sei die bestens aufeinander abgestimmte Holzbläsergruppe: Sie agiert oft sehr zurückgenommen, aber immer wieder die Klangfarbe prägend.

So gelingt es Intendant Berthold Schneider mit dieser Produktion einmal mehr, durch eine unkonventionelle, freche Ästhetik das ganz eigene Profil der Wuppertaler Oper zu schärfen. Unbedingt hingehen!

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