"Work in Progress": Wuppertaler Tanztheater feiert Pina Bausch Stück

„Underground VI“ : Mond und mindestens 12 Monkeys

„Underground VI“: Erst ein Kurzfilm, dann zwei „Works in Progress“. Das Tanztheater erfindet sich mal wieder neu – und feiert das Schauspielhaus.

„Underground“ – das heißt, Tänzer inszenieren selbst. Mehrere außergewöhnliche Orte in Wuppertal haben sie damit seit 2013 schon bespielt. Jetzt das Schauspielhaus, Wuppertals immer noch lebendiges Märchenschloss der Moderne.

Ein siebenminütiger Virtual-Reality-Kurzfilm von Fabien Prioville eröffnet das Ganze: Wer Spezialbrille und Kopfhörer aufsetzt, ist plötzlich mittendrin in einer zauberhaften Tanzszene auf den Schaupielhaustreppen – umfangen von einem so sanften Rio-de-Janeiro-Liebeslied in englischer und portugiesischer Sprache. Die Tänzer schauen einem direkt in die Augen, man meint, man könne sie, nur eine Armlänge entfernt, tatsächlich anfassen.

Emma Barrowman und Mohamed Kourouma – zusammen mit vielen anderen – agieren im gesamten Schauspielhaus-Foyer auf mehreren Ebenen. Foto: Karl-Heinz Krauskopf

Überhaupt, diese Nähe: Mit „Work in Progress“ Nr. 1, „Brocken“ von Tänzer Pau Aran Gimeno, geht es im früheren Raucherfoyer weiter: Gesteckt voll der kleine Raum, in dem Çagdas Ermis, Blanca Noguerol Ramírez und Christopher Tandy 30 Minuten mit minimalem Platz agieren. Macbeth‘ Hexen sind sie, Benenner endlos vieler Namen englischer Frauen des 17. Jahrhunderts (als „Hexen“ verbrannt?), Liebesrivalen – und vor allem Tänzer, die das Bausch-Spektrum von Bewegung, Text und Objekt (hier zwei Stühle) perfekt ausloten. Großes Tanztheater auf kleinster Fläche.

Wenn Çagdas Ermis zu singen beginnt vom Sohn, der im kalten Winter die Mutter verlässt, um die verlorene Schwester (vergeblich) zu suchen, geht der erste Schauer über die Haut. Zahllose weitere werden folgen. Etwa bei Blanca Noguerol Ramírez‘ getanzt-gesprochenem spanischen Gedicht von einem Jungen, der mit dem Mond tanzt. Begleitet all das von einer faszinierenden Mischung alter und ganz neuer Musik. Eine zutiefst berührende, sehr poetische halbe Stunde.

Dann hinüber ins Schauspielhaus-Foyer – und Bühne frei für Rainer Behrs „Work in Progress“, das noch keinen Titel hat. Hier brechen alle Dämme: Zehn Tänzer und Tänzerinnen brennen ein Feuerwerk ab, das, weiß Gott, seinesgleichen sucht. Einbezogen wird quasi der gesamte zurzeit zur Verfügung stehende Schauspielhausraum. In einer gigantischen Licht-Bilder-Musik-Klang-Krach-Kostüm-und-Wortwelt erlebt der Zuschauer hautnah ständig neue Eindrücke, hinweggespült von der überbordenden Fülle dessen, was Tanztheater heute sein kann.

Immer wieder: Großartiger Tanz und Körperbeherrschung, atemberaubende Momente der Stille – Meditatives meets Madness. Wie fasst man zusammen, was Rainer Behr da mit seinen Kollegen erarbeitet hat? Nur so viel: Das Irrenhaus im spektakulären Film „12 Monkeys“ ist nur eine Pommesbude gegen das, was das Bausch-Ensemble hier 50 Minuten lang präsentiert.

Mag sein, dass das Heute nur noch so fokussiert werden kann – als geschlossene Anstalt. Wo Menschen (fast) schon Roboter sind – und doch voller Sehnsucht nach Wärme, Nähe, Zärtlichkeit. Einzelne Tänzer herauszuheben, ist eigentlich ungerecht. Aber wenn Julie Anne Stanzak im Dialog mit Andrey Berezin die Liebe sucht oder Emma Barrowman ein Selbstreflexionsgespräch in einen hohlen Metallkörper hinein hält – Gänsehaut!

War der erste Teil von „Underground VI“ vor allem poetisch-still, so ist Teil 2 eine aufsehenerregende Gefühls- und Materialschlacht für Auge, Ohr, Herz. Bei beiden aber gilt: Das ist kein Jota weniger als Weltklasse.

Noch was? Ja! Pina Bausch lebt. Ihre Tänzer lassen die „alten“ Wurzeln weiter wachsen. „Underground VI“ hat Tradition und Gegenwart faszinierend verknüpft.

Die echte Premiere der dann fertigen beiden „New Works in Progress“ von Pau Aran Gimeno und Rainer Behr im Rahmen von „Underground VI“ ist – zusammen mit weiteren neuen Tanztheaterarbeiten – für November geplant.

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