Wuppertaler "Tatort": Mordbahntrasse

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Mordbahntrasse

Dat is ein Ding: Der Oberbürgermeister will, dass Wuppertal "Tatort"-Stadt wird. Das eröffnet uns spannende Perspektiven, was die Außendarstellung angeht.

Ich erinnere mich schließlich immer noch gerne daran, wie der legendäre Horst Schimanski zwischen verrosteten Hochöfen und in verranzten Genickschuss-Bars nach vierschrötigen Verbrechern gesucht hat. Als ich dann mal selbst in Duisburg war, habe ich gestaunt, dass dort auch vereinzelt Grünpflanzen und eine Art Stadtbild existieren. Aus genau diesem Grund wollen aktuell ja auch die Dortmunder keine "Tatort"-Kulisse mehr sein.

Damit man sich besser vorstellen kann, wie ein einschlägiger "Tatort"-Regisseur Wuppertal in Szene setzen würde, habe ich mal schnell das Drehbuch für eine Folge geschrieben, die im Herbst 2020 spielt. Der Titel: "Mordbahntrasse." Hier ein Auszug:

Kommissar Kottenströter hat schon besser geschlafen. Der verdammte Billig-Schlafanzug von Primark juckt wie Hulle und der Fall des Serientäters, der in den finsteren Nordbahntrassen-Tunneln Radfahrer aus dem Sattel wirft, ist immer noch nicht gelöst. Die Drohnenkamera zeigt von außen, wie Kottenströter durch das nasse Fenster seiner zuletzt kurz nach dem Krieg renovierten Einzimmer-Wohnung auf einen Hinterhof in Wichlinghausen blickt.

Dass es seit 26 Wochen ununterbrochen regnet, hebt Kottenströters Laune auch nicht gerade. Während er sich am Sack kratzt und versonnen ein Stück Knorpel aus den Zähnen puhlt - es gab Kottenbutter zum Frühstück -, murmelt er die Worte "Wat ne Driete" und schreckt erst auf, als sein klein gewachsener Assistent Krukenstock unten mit dem Pedelec-Tandem vorfährt. Kottenströter zieht sich die Regenkombi über und verflucht einmal mehr den Tag, als die Wuppertaler Polizei in der Elektromobilitäts-Vorzeigekommune Wuppertal die Streifenwagen abgeschafft hat.

Gemeinsam strampeln sie über nicht vorhandene Radwege durch ein Dickicht aus Lkw-Zwillingsreifen und rücksichtslosen Autofahrern zur Schwebebahn-Station am Berliner Platz, grüßen kurz die Kollegen, die dort gerade ein paar Dealer verhaften, und steigen in den überfüllten blauen Gelenkwagen Richtung Elberfeld. Wegen der Geschichte mit den Stromschienen fährt die Bahn seit 2019 nur noch 20, so dass Kottenströter und Krukenstock durch die beschlagenen Scheiben (die Klimaanlagen werden gerade in Valencia zum dritten Mal in zwei Jahren überholt) auf das herbstlich triste Tal schauen.

Die Kamera schwebt mit ihnen vorbei an Fabriken mit eingeschmissenen Fenstern und Flaschensammlern, die mit leeren Augen vom grauen Wupperufer hinauf zum Gerüst blicken. Musikalisch unterlegt mit traurigen Blues-Akkorden von Henrik Freischlader endet die Reise am gar nicht mehr so neuen Döppersberg. Kottenströter und Krukenstock bahnen sich ihren Weg durch die leer stehenden Lädenflächen auf der Geschäftsbrücke, die im Volksmund inzwischen Geschäftslücke genannt wird, hinauf zur langsam verfallenden ehemaligen Bundesbahndirektion.

Sie schieben das vom Bauzaun abgefallene Schild, das hier einst ein pulsierendes Outlet in Aussicht stellte, auf Seite und suchen in den endlos langen, dunklen Gängen den Informanten, den sie hier treffen wollen. Da ist er ja — zögernd löst sich eine schlanke Gestalt aus dem finsteren Schatten einer bröckelnden klassizistischen Säule. Die Kamera zieht auf und zeigt sein Gesicht — Zuschauer erkennen sofort die Züge ihres früheren Oberbürgermeisters Andreas Mucke.

Er wurde abgewählt, nachdem die erste "Tatort"-Folge aus der Schwebebahnstadt im Fernsehern lief und darin nur moppernde Menschen und pelzige Wohnviertel vorkamen. Dank seiner Schauspielerfahrung ergatterte er aber später beim Casting die Nebenrolle des Polizeispitzels im "Tatort" aus Wuppertal.

Jetzt blickt er eindringlich ins Objektiv und winkt Kottenströter und Krukenstock zu sich heran. "Diese Angriffe in den Tunneln — ich weiß, wer das war", sagt er, guckt sich noch einmal unruhig nach allen Seiten um und fährt mit gedämpfter Stimme fort: "... das war die Rache der Fledermäuse!"

Klappe zu, Wuppertal tot.

Bis die Tage!

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