Seilbahn und Busse: Kommentar zur Verkehrswende in Wuppertal

Kommentar: Wuppertal muss (s)eine Verkehrswende beginnen : Keine Seilbahn - und was jetzt?!

So ist sie also nun weggehupt, die Seilbahn. Damit ist aber eine sehr wichtige Facette, für dieses System (auch) hätte stehen können, nicht etwa verschwunden, sondern rückt immer deutlicher in den Vordergrund: Wuppertal braucht eine umweltbewusste, kunden- und serviceorientierte sowie tatsächlich zukunftsweisende Verkehrswende.

Oder kurz gesagt: Wuppertal braucht ein neues Konzept für seinen öffentlichen Personennah- und für seinen Radverkehr.

Dass das Thema Buslinienstreichungen zugunsten eines Seilbahnbaus die Menschen der Stadt (vor allem in den betroffenen Bereichen, aber längst nicht nur dort) umgetrieben hat, ließ sich aus der Diskussion deutlich ablesen. Und es muss als Lehre aus der ganzen Sache gezogen werden: Die Wuppertaler wollen keinesfalls weniger Busverbindungen, sondern mehr davon – und besser funktionierende.

Die Frage, wie das – vor allem finanziell – realisiert werden kann, müssen in erster Linie die Stadtwerke beantworten. In zweiter Linie aber ist da die Politik gefragt, die Rahmenbedingungen schaffen muss, die es den WSW möglich machen, mehr Geld in den ÖPNV zu pumpen.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den aus der engagierten Bürgerschaft stammenden Vorschlag eines Probejahres für ein Solidarisches Bürgerticket: Dieser Vorschlag allerdings hat wenig Zuspruch aus den Reihen der Parteien, Ablehnung von den Stadtwerken und immensen Widerstand vor allem aus der autofahrenden Bevölkerung kassiert. Andere Vorschläge, wie der Nahverkehr der Zukunft aussehen könnte, der nur dann die privat gefahrenen Autokilometer reduzieren kann, wenn er eine echte Alternative ist, habe ich nicht gehört. Niemand hat ein steuerfinanziertes Gratisticket ins Gespräch gebracht – auch niemand das Wiener Modell, wo man für einen Euro pro Tag, also für 365 Euro im Jahr, den gesamten Nahverkehr nutzen kann.

Nein – beim Solidarischen Bürgerticket oder überhaupt irgendeiner Beteiligung derer, die mehr Auto als Bus fahren, überwog, wie so oft in letzter Zeit bei Ideen für eine andere Wuppertaler Zukunft, auf den Leserbriefseiten und vergleichbaren Plattformen das polternde, ja sogar beleidigende Abwatschen, Ablehnen, Aufschreien.

Schon vor über zehn Jahren hat Wuppertals Verkehrsdezernent Frank Meyer im Verkehrsausschuss gesagt (und die Rundschau veröffentlichte das damals auch), dass der ÖPNV in Zukunft ein anderes als das bisher übliche Finanzierungsmodell braucht. Aus der Politik – damals regierte die SPD-CDU-GroKo – wurde darauf nicht reagiert. Es wäre interessant zu beobachten, ob jetzt nach den heftigen Verlusten, die CDU und SPD bei der Europawahl erlitten haben, das Gespür dafür, dass Verkehr und Klima sehr viel miteinander zu tun haben, gewachsen ist. Beziehungsweise es ist interessant, das zu beobachten, denn wenn sich die Wuppertaler Zahlen parallel zum Bundespolitiktrend weiterentwickeln, könnte es sein, dass ab Herbst 2020, wenn gemeinsame Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl ist, die Sonne überm Barmer Rathaus nicht mehr rot, sondern satt grün scheint.

Dann käme vielleicht Bewegung in das Thema Radverkehr, der natürlich aktuell mit einem Verkehrsanteil von um zwei Prozent rein mengenmäßig sehr gering ist. Dass es ein riesiges Interesse daran gibt, diesen Anteil wachsen zu lassen, ist kein Geheimnis. Wenn allerdings das Radfahren nicht nur eine Schönwetter-Freizeitbeschäftigung bleiben soll, dann müssen in Zukunft die Autos Platz auf „ihren“ Straßen abgeben – für mehr Fahrräder und für mehr Busse. Solche Ideen werden es in Wuppertal nicht leicht haben. Ich prognostiziere den üblichen Wuppertaler Dreiklang: abwatschen, ablehnen, aufschreien.

In dieser Stadt haben Nichtautofahrer de facto keine echte Lobby. Warum? Weil es im Vergleich zu anderen Großstädten in Wuppertal kaum echte Staus gibt, weil das ganztägige Parken an so vielen Stellen und in so vielen Parkhäusern für lächerliche drei Euro zu haben ist – weil Wuppertal schlicht und ergreifend im Vergleich ein Paradies für Autofahrer ist.

Kann das so bleiben? Werden die Grünen sich dieses Themas annehmen? Werden sie dann auch noch auf Platz 1 landen? Interessante Fragen ...

Ich bin gespannt auf den Wahlkampf. Und aufs Ergebnis erst recht.

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