Kommentar: Kann man etwas gegen illegale Graffiti tun?: Kunst heißt nicht, dass es mir gefällt

Kommentar: Kann man etwas gegen illegale Graffiti tun? : Kunst heißt nicht, dass es mir gefällt

Den Sektor, zu dem Graffiti & Co. gehören, nennt man Street Art. Nichtkommerzielle Bilder, Zeichen, Namen und, und, und im öffentlichen Raum. Street Art ist ein Teil der Kunstszene. Deswegen ist — der Satz wird viele zu wütenden Protesten, andere zu deutlicher Zustimmung veranlassen — jedes Graffiti Kunst.

Ob es mir oder sonst irgendwem gefällt, ist eine ganz andere Frage. Kunst ist nicht dazu da, irgendwem zu gefallen. Die Zeiten, in denen Kunst Mehrheiten folgen musste, sind glücklicherweise vorbei. Kunst provoziert, Kunst kommuniziert, Kunst polarisiert. Gut so!

Klar: Das Hinsprayen von einfachen Tags oder ein handwerklich schwaches Graffiti schmeichelt dem Auge so wenig wie ein schlechtes Tattoo. Auch klar: Ein Hausbesitzer findet seine über und über vollgesprayte Wand nicht schön. Ich auch nicht. Aber Forderungen nach deutlicheren Strafen, mehr Kontrollpersonal und mehr Verfolgung der Sprayer laufen völlig ins Leere. Wer Graffiti-Macher in die Illegalität treibt, beziehungsweise nicht akzeptiert, dass sie teilweise bewusst unerkannt bleiben wollen (das gilt auch für manche Szene-Stars, deren Werke schon für viel Geld in Galerien hängen), wird nicht mit ihnen kommunizieren können. Und beim Versuch, sie zu verfolgen, wünsche ich allen Spürhunden des Ordnungsamtes oder wer immer das dann übernehmen soll, viel Spaß — vor allem nachts.

Jugendamtsleiter Dieter Verst drückt sich im oben stehenden Artikel sehr dezent aus. Ich sage es deutlicher: Illegale Graffiti sind nicht zu verhindern. Wer das glaubt, läuft einem Trugbild hinterher.

Was also tun? Einerseits die Kröte schlucken, dass schnell hingekritzelte Tags zum Bild einer (Groß-)Stadt gehören. In New York, in Valencia, in Berlin, in Wuppertal. Und zwar überall in der Stadt. Das ist so und das wird so bleiben.

Andererseits könnte die Stadt einmal bewusst pro-aktiv und nicht (nur) contra-aktiv mit dem Thema Street Art umgehen. Unterm Briller Kreuz auf der Trasse (die in ihrer Gesamtheit eine großartige Street-Art-Area ist) hat das als ganz winziger erster Schritt schon geklappt. Da wäre stadtweit noch unendlich viel mehr drin. Der Gegenteilbeweis: Wer hässlich-kahle Mauern wie an der Unterführung zwischen Wall und Südstraße ohne Begrünung oder etwas anderes Optisches plant, muss sich nicht wundern, wenn gesprayt wird, was das Zeug hält.

Zurzeit geht es immer mal wieder um eine Bundesgartenschau in Wuppertal. Ein wohlfeiles Thema mit Mehrheits-Zustimmungs-Potenzial.

Ich denke an etwas ganz anderes — eine offizielle Street-Art-Biennale in Wuppertal. Mit einem kulturell kenntnisreichen Orga-Team, das bundes-, europa- oder auch weltweite Einladungen ausspricht. Mit zahllosen stadteigenen Flächen (nicht nur am Stadtrand, sondern vor allem mitten in den beiden Citys und den Stadtteilen) sowie einem Pool von mutigen Immobilienbesitzern, die Fassaden zur Verfügung stellen. Wuppertal wäre dann echter Vorreiter. Bunt, schräg, aufsehenerregend — und im Gespräch.

Noch mal zum Mitschreiben: Es gibt wahnsinnig viele Tags und Graffiti, die mir überhaupt nicht gefallen. Aber mir gibt zum Beispiel auch der Impressionismus nicht viel. Kunst ist ein weites Feld. Darüber zu diskutieren, ein noch viel weiteres.

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