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Kommentar zum Engpass bei Wohn- und Gewerbeflächen: Wir haben die Ruhe weg

Kommentar zum Engpass bei Wohn- und Gewerbeflächen : Wir haben die Ruhe weg

Es ist ein komplexe Materie, sagt SPD-Ratsfraktionschef Klaus-Jürgen Reese. Recht hat er — ein weiteres Problem ist, dass sie durchaus konkrete Auswirkungen hat. "Ausweisung von Gewerbe- und Wohnflächen", das klingt unendlich trocken.

Aber: Wenn man dieses Thema nicht mit Elan und Fantasie angeht, wird die Stadt schon bald abgehängt!

Dabei haben sich die Rahmenbedingungen so schön verbessert: Landauf, landab boomen Städte wieder. Ja, auch in Wuppertal ist die Wirtschaft auf der Überholspur. Die Gewerbesteuer steigt, die Arbeitslosenquote sinkt — Gewerbeflächen wie auf Linde oder in Vohwinkel sind ruckzuck belegt. Selbst scheinbar ewige Brachen werden reaktiviert.

Das war stadtplanerisch lange Zeit so nicht erwartet worden. Bis vor wenigen Jahren ging man im Rathaus — statistisch absolut begründet — von rückläufigen Einwohnerzahlen aus und machte sich stattdessen Gedanken über Schrumpfungsszenarien. Spätestens jetzt jedoch gilt es den Hebel umzulegen, das heißt, eigentlich hätte es schon geschehen müssen. Es sind 50 bis 70 Firmen, deren Erweiterungs- oder Ansiedlungswünsche alleine das Wuppertaler Maklernetzwerk aktuell nicht erfüllen kann. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

Schließlich gibt es keinerlei Reserveflächen größeren Zuschnitts. Reese hat den Regionalrat mit Mühe davon überzeugen können, dass die Wuppertaler den ihnen dort gewährten Flächenzuwachs quasi so lange parken dürfen, bis man geeignete Grundstücke überhaupt erst mal gefunden hat. Von planreifen Angeboten kann dabei noch gar keine Rede sein. Zudem scheut die Planungsverwaltung den Verzehr von Grünflächen ebenso sehr wie die Bürger, die in der jeweiligen Nachbarschaft wohnen. Momentan ist das gerade in Nächstebreck zu beobachten. Große Logistik-Unternehmen, die sich gerne am Knotenpunkt Wuppertal niederlassen würden, sind auch nicht beliebt, weil sie eine Rund-um-die-Uhr-Nutzung, dafür aber vergleichsweise wenig Arbeitsplätze benötigen. Doch in den 80er und 90er Jahren führte eine vergleichbare Politik der ruhigen Hand zu massiven Abwanderungen. Heute kann man von Glück sagen, dass Firmen wie Bayer und Vorwerk dem Standort die Treue halten, indem sie ihre vorhandenen Grundstücke quantitativ und qualitativ optimal ausnutzen.

Doch dass es nicht immer gut gehen muss, sieht man an der zögerlichen Ausweisung von Bauland. Wuppertal hat einen reinen Verkäufermarkt. Neue wie gebrauchte Objekte gehen weg wie warme Semmeln. Daran ändern weder die meist vorherrschende architektonische Monotonie noch die nur langsam steigenden Preise etwas. Wird hier nicht bald das Steuer herumgerissen und für schnell umsetzbare Wohnflächen gesorgt, werden sich immer mehr hochqualifizierte kaufkräftige Neubürger hinter der Stadtgrenze ansiedeln. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, im Geschäftsbereich Bauen sei ein regelrechter Flaschenhals angesiedelt, der ein rascheres Vorgehen verhindere — da müsse man mehr Feuer machen. Vielleicht hilft der Brandbrief der Makler in dieser Hinsicht ja.

Wie gesagt: Es ist eine komplexe Materie — mit konkreten Auswirkungen: Wer heute planerische Entwicklungen verschläft, steht morgen mit leeren Händen da. Das kann eigentlich auch keine Stadtspitze verantworten.