Schneidewind in seinem Buch über das grundsätzliche Problem:
„Was mich in meiner Amtszeit immer wieder verwundert hat, ist die Zusammensetzung von Aufsichtsgremien. Durch die Lokalpolitik werden sehr viele Sitze in Aufsichtsgremien vergeben – vom Verwaltungsrat der örtlichen Sparkasse über die Aufsichtsräte in den Stadtwerken, Verkehrsbetrieben und Wohnungsbaugesellschaften bis zum Wasserverband und den lokalen Kultureinrichtungen. Man würde vermuten, dass solche Besetzungen nach fachlicher Qualifikation erfolgen. In den Aufsichtsräten einer Wirtschaftsförderung oder der Sparkasse würden demzufolge die Lokalpolitikerinnen und -politiker sitzen, denen man hier besondere ökonomische Expertise zutraut, in der Wohnungsbaugesellschaft die Immobilienprofis und in den Kultureinrichtungen die Kenner der Szene“
Und weiter: „Die Logik ist aber oft eine andere: Es gibt ebenso einflussreiche Ausschüsse, beispielsweise den Finanzausschuss des Rates, wie lukrative Mandate. Um in einer dieser beiden Kategorien ausgewählt zu werden, bedarf es einer über Jahre erarbeiteten Stellung in der eigenen Fraktion. Besonders lukrativ sind die Mitgliedschaft im Verwaltungsrat der örtlichen Sparkasse oder Positionen im Aufsichtsrat der lokalen Stadtwerke.“
Dem Sparkassen-Verwaltungsrat gehörte Schneidewind in seiner Oberbürgermeister-Rolle selbst als „Beanstandungsbeamter“ an, der an den Sitzungen teilnimmt, aber darin nicht aktiv werden kann. Das habe ihm die Gelegenheit zur umfassenden Beobachtung der Prozesse gegeben. Die schildert er rückblickend so:
„Die Verwaltungsratssitzungen der Sparkasse liefen nach einem fast identischen Muster ab: Die Mitglieder hören sich bei wohlschmeckenden Schnittchen und Kuchen die Ausführungen des Sparkassen-Vorstandes an. Inwieweit sie diesen folgen können, bleibt unklar. Die meisten Verwaltungsratsmitglieder verfügen über keine umfassenden wirtschaftlichen Kenntnisse und haben nur eine nach Sparkassengesetz vorgeschriebene Pflichtschulung durchlaufen. Rückfragen sind die Ausnahme; die Vorlagen des Vorstandes werden in der Regel wie vorgelegt beschlossen.“
Schneidewind: „Danach geht es zum gemeinsamen Mittagessen. Unter Steuerungs- und Kontrollaspekten erscheint die Zusammensetzung der Sparkassen-Verwaltungsräte als Farce. Beruhigend ist lediglich, dass es im Sparkassensystem umfassende Kontrollprozesse gibt, die die Tätigkeiten der einzelnen Sparkassen effektiv überwachen. Die politisch besetzten Verwaltungsräte sind daher eigentlich überflüssig, aber für die Mitglieder aufgrund der hohen Sitzungsgelder so lukrativ, dass sie sich selbst mit einer schweren Erkältung in die Sitzung schleppen, um nicht auf das Sitzungsgeld verzichten zu müssen.“
Dieses Beispiel weist aus Schneidewinds Sicht auf eine ganz grundsätzliche Fehlentwicklung in der Lokalpolitik hin, die er in seinem Buch so auf den Punkt bringt: „Das große Problem der falschen Anreize ist, dass die Grundidee des ehrenamtlichen Engagements immer mehr verloren geht, nämlich dass sich Menschen mit ihren aus ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen in ihre Kommune politisch einbringen.“