Sein Blick auf Tausende städtische Mitarbeiter ist dabei im Hinblick auf deren Motivation von vielen positiven Erlebnissen geprägt – aber auch von einzelnen Bremsern. Schneidewind findet dafür eine einprägsame Typisierung: Er spricht von Verwaltungspartisanen, Verwaltungsfatalisten und Veraltungsguerilla.
Das Bild des Verwaltungspartisanen lehnt Schneidewind an die Militärhistorie an: Wie Partisanen würden die entsprechenden Mitarbeiter ihr angestammtes Territorium und ihre Komfortzonen gegen Eindringlinge von außerhalb verteidigen. „Was Verwaltungspartisanen unter Angriffen verstehen, sind neue Lösungen, ressortübergreifende Zusammenarbeit oder komplexe Projekte, die ihr Ressort beziehungsweise ihre bisherigen Routinen herausfordern. Dem stellen sie sich mit aller Macht entgegen. Auch wenn dieser Typus – entgegen der öffentlich oft geäußerten Wahrnehmung – in Verwaltungen eher die Ausnahme ist, reichen leider zwei bis drei ihrer Protagonisten in sensiblen Bereichen, um Prozesse umfassend zu blockieren.
Eine schwächere Ausprägung des Verwaltungspartisanen ist der Verwaltungsfatalist. Er hat sich mit den dysfunktionalen Bedingungen in seinem Arbeitsbereich – von der Normenflut bis zum Stellenmangel – frustriert und mitunter zynisch arrangiert. Er kämpft nicht mehr aktiv mit allen Mitteln gegen jegliche Veränderung. Von ihm ist vielmehr passiver Widerstand zu erwarten, etwa durch den Verweis auf Arbeitskräftemangel oder eine Rechtslage, die nichts anderes zulasse.“
Was dieser Beamten-Schlag für die praktische Arbeit im Wuppertaler Rathaus bedeutet, schildert Schneidewind so: „Ein wichtiges Motiv sowohl bei Verwaltungspartisanen als auch -fatalisten ist die Berufung auf Zuständigkeit. (...) In Situationen, in denen komplexe Probleme durch die Verwaltung gelöst werden sollten, habe ich oft folgendes Phänomen beobachtet: Die betroffenen Bereiche kamen in einem Raum zusammen; jedem war das Problem in seiner Gänze und Komplexität bewusst, aber alle Beteiligten erklärten umgehend, warum man für die Lösung dieses Problems nicht zuständig sei und die Verantwortung bei einer anderen Einheit liege. Es bereitete scheinbar keinem der Beteiligten ein schlechtes Gewissen, dass das Problem auf diese Weise künftig weiterhin nicht gelöst wird. Vielmehr fühlte man sich befreit, wenn die eigene Nicht-Zuständigkeit nochmals kundgetan wurde.“
Mählersbeck: „Mein größtes Managementversagen“
Als konkreten Beleg dafür führt Schneidewind die schleppende Sanierung des Freibads Mählersbeck durch das städtische Gebäudemanagement ins Feld: „Von außen betrachtet wäre anzunehmen gewesen, dass die damit Beauftragten alles tun, um den Bau im anvisierten Zeitplan zu realisieren. Was sich dann aber vollzog, war ein trauriges Beispiel für Verwaltungsfatalismus (...). Die Fatalismus-Losung des für die Bauleitung Zuständigen lautete: ‚Bauen ist ein Abenteuer‘. Sie wurde im weiteren Verlauf zur selbsterfüllenden Prophezeiung und von den Vorgesetzten weitgehend geteilt.“
In Kombination mit den untauglichen Regeln für öffentliches Bauen habe dieser Fatalismus zu den jahrelangen Verzögerungen geführt. Schneidewinds selbstkritisches Fazit: „Als Oberbürgermeister war es eines meiner größten persönlichen Managementversagen, diesen Kreislauf trotz vielfältiger Interventionen nicht brechen zu können.“
In seinem Buch beschreibt Schneidewind aber auch den personellen Gegenentwurf: „Das Gegenstück zu den Verwaltungspartisanen ist die Verwaltungsguerilla. Auch die Guerilla kennt ihr Territorium im Sinne der einschlägigen Rechtslagen genau. Sie nutzt dies aber, um Freiräume für innovative Projekte oder neue Arbeitsweisen in der Verwaltung zu erkämpfen. Ihr Kompass sind pragmatische Lösungen und Orientierung an der Wirkung für Bürgerinnen und Bürger, Investoren und Gestalterinnen. (...) Eine meiner postivsten Überraschungen in meiner Amtszeit war die Erfahrung, dass der Anteil von Verwaltungsguerilla in der Stadtverwaltung weit größter war als die der Verwaltungspartisanen.“
Dabei wird Schneidwind auch ganz konkret, lobt etwa den Leiter des städtischen Service-Centers („beeindruckender Pragmatiker“), die Leiterin des Sportamtes („Möglichmacherin“) oder den Leiter der Baubehörde. Sie alle trügen zu dem bei, was Schneidewind „Inseln des Gelingens“ nennt.