Bergische Gehörlosenseelsorge 140 Jahre Gemeinschaft in Gebärdensprache

Wuppertal · Die Bergische Gehörlosenseelsorge feiert am Sonntag (5. Juli 2026) ihr 140-jähriges Bestehen mit Pfarrerin Verena Kroll. Sie blickt auf eine Geschichte zurück, die von Teilhabe, Gemeinschaft und der Kraft der Gebärdensprache erzählt.

Pfarrerin Verena Kroll.

Foto: Dirk Banse

Als einige Lehrer der damaligen Taubstummen-Anstalt in Elberfeld im Jahr 1886 einen Fürsorgeverein für gehörlose Menschen ins Leben riefen, legten sie den Grundstein für eine besondere Geschichte. Aus den ersten Hilfsangeboten entwickelte sich über Jahrzehnte eine eigenständige kirchliche Gemeinschaft, die heute Menschen aus dem gesamten Bergischen Land verbindet.

140 Jahre später steht die Bergische Gehörlosenseelsorge für mehr als Gottesdienste und kirchliche Angebote. Sie ist Begegnungsort, Kulturraum und Heimat für Menschen, die ihren Glauben in Deutscher Gebärdensprache leben. „Aus einer Kirche für Gehörlose ist eine Kirche der Gehörlosen geworden“, betont die Wuppertaler Gehörlosenpfarrerin Verena Kroll.

Von der Fürsorge zur Teilhabe

Die Lebensbedingungen gehörloser Menschen waren Ende des 19. Jahrhunderts von starken gesellschaftlichen Hürden geprägt. Viele Betroffene hatten nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Beruf und öffentlichem Leben. Daher forderten nicht nur viele Christinnen und Christen, sondern sogar der preußische König Wilhelm I. (1797 - 1888) eine bessere soziale Fürsorge.

Vor diesem Hintergrund entstand 1880 in Elberfeld eine evangelische Taubstummenschule. Die Evangelische Kirche in Preußen bemühte sich seit 1882 zudem intensiv um die Seelsorge taubstummer Menschen. Dafür startete sie 1906 mit der Ausbildung von Geistlichen für die Taubstummenseelsorge an der Provinzial-Taubstummen-Anstalt in Elberfeld. Als erster Verein im Rheinland gründete sich dort 1886 der „Provinzial-Taubstummen-Verein der Rheinprovinz“. Lehrer und Pfarrer arbeiteten eng zusammen.

Von der Fürsorge zur Selbsthilfe

Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich die Arbeit grundlegend. Aus der ursprünglich fürsorgerischen Begleitung entwickelte sich eine Gemeinde, in der gehörlose Menschen selbst das Gemeindeleben prägen. Sie übernehmen Leitungsfunktionen in ihren Gemeinden und Verbänden.

Die Philippuskirche war von 1969 bis 2024 geistliche Heimat der Gehörlosengemeinde.

Foto: Sabine Damaschke

Zur Bergischen Gehörlosengemeinde, die Verena Kroll seit 2024 als Pfarrerin begleitet, gehören rund 250 Mitglieder aus den Kirchenkreisen Wuppertal, Niederberg, Solingen und Düsseldorf-Mettmann. Viele kommen regelmäßig zu den Veranstaltungen zusammen, manche nehmen laut Kroll weite Wege auf sich, um Gemeinschaft in ihrer eigenen Sprache zu erleben.

Eine Sprache, die den ganzen Menschen einbezieht

„Unsere Gottesdienste, Feste, Freizeiten und Begegnungen finden heute selbstverständlich in Gebärdensprache statt“, betont die Theologin, die dafür die Gebärdensprache lernen musste. „Besonders auf den drei Freizeiten, die wir jedes Jahr für Familien mit Hörschädigungen anbieten, zeigt sich, wie viel Kraft in dieser Gemeinschaft steckt, wenn Eltern einander zuhören, beraten und helfen“, berichtet Verena Kroll. „Und wie wichtig es für die Kinder ist, sich frei und unbeschwert in ihrer Sprache zu unterhalten, zu spielen und einander kennenzulernen.“

Verena Kroll liebt die Gebärdensprache, auf die es seit 24 Jahren in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch gibt, denn sie hat ihr eine neue Sicht auf Kommunikation ermöglicht. „Wer miteinander gebärdet, schaut sich an, nimmt Gestik, Mimik und Körpersprache bewusst wahr“, sagt sie. „Der ganze Körper spricht. Wir hören mit den Augen und sprechen mit den Händen.“ Das mache Glaubensinhalte oft auf eine neue Weise erfahrbar.

Zwischen zwei Welten

Auch wenn die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als eigenständige Sprache 2002 und die Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes 2009 einiges verändert hat: Es bestehen im Alltag vieler gehörloser Menschen weiterhin Barrieren – etwa bei Behördengängen, Arztbesuchen oder kulturellen Angeboten. Die Gehörlosenseelsorge versteht sich deshalb auch als Brücke zwischen den beiden Welten.

Und zwar nicht nur im Alltag, sondern auch in der Kirche. Verena Kroll betreut neben ihrer gehörlosen Gemeinde eine hörende Gemeinde. Nachdem die Philippuskirche, in der die Gehörlosengemeinde seit 1969 ihre Gottesdienste feierte, vor zwei Jahren aufgegeben wurde, nutzen nun beide ein Gemeindezentrum im Stadtteil Uellendahl, das zu einem durchweg barrierefreien Haus umgebaut wurde.

Keine Frage, dass das 140-jährige Jubiläum genau dort gefeiert wird, wo Inklusion zum Alltag gehört. Das Fest beginnt am Sonntag ab 15 Uhr mit einem Gottesdienst im Gemeindezentrum Am Röttgen, den Pfarrerin Verena Kroll und Superintendentin Katharina Pött gestalten.