Zum 10. Todestag von Pina Bausch: Die Kraft der Bilder sehen

Zum 10. Todestag von Pina Bausch : Die Kraft der Bilder sehen

Heute möchte ich mich erinnern. An Pina Bausch, die am Sonntag (30. Juni) vor zehn Jahren gestorben ist. Und obwohl ich schon seit über 30 Jahren für die Wuppertaler Rundschau arbeite, habe ich sie nie kennen gelernt, nie interviewt.

Nur einmal habe ich Pina Bausch gesehen – am Ende eines der vielen Stücke, die ich im Schauspielhaus und im Opernhaus erlebt habe, kam sie mit auf die Bühne. Fotos von ihr, oder auch das italienische Originalfilmplakat von „Fellinis Schiff der Träume“ aus dem Jahr 1983, das in meinem Jugendzimmer hing, auf dem sie als gezeichnete Figur mit vielen anderen Berühmtheiten in einem Boot saß. Aber nie „in echt“. Was mir bleibt, sind ihre Stücke. Sehr viele – und bis heute bringe sie alle so oft durcheinander. Ein Strom von Bildern, Musik, Bewegungen, Texten.

Angefangen hat das alles, da muss ich gerade 16 gewesen sein. 1978. Und es war wohl „Blaubart“. Ich bin allein ins Schauspielhaus gegangen, im Ohr die Warnung meiner Mutter, ich möge bitte nicht den Weg durch die Hofaue nehmen, sondern außen herum an der Bundesallee entlang. Durch die Hofaue zu gehen, das sei abends nichts für einen jungen Mann. Ich bin natürlich doch durch die Hofaue gegangen – hin und zurück. Von den traurigen Huren, die es damals dort noch gab, hab‘ ich keine gesehen. Erst Jahre später, als ich eine Weile lang Taxifahrer war.

„Blaubart“ – verstörend, seltsam, berührend, unvergesslich. Ein „wilder“ Jan Minarik, ein Morgenmantel, viel Gerenne auf der Bühne. Auf der Terrasse des Schauspielhauses sah ich in der Pause zwei Männer, die im Sommer in Jugoslawien im selben Hotel wie unsere Familie waren. Das fand ich erstaunlich. Später stiegen sie in ein Auto mit einem Nummernschild, das ich ich nicht kannte. Da wurde mir klar, dass Menschen für Pina Bausch von weit her nach Wuppertal kommen.

Die Jahre danach – immer wieder Pina Bausch. Mal oft hintereinander, mal in langen Abständen. Dabei auch ihr erster Film „Die Klage der Kaiserin“ – 1990 im „Cinema“ in Oberbarmen. Wahrscheinlich der ungewöhnlichste Streifen, den ich bis dahin gesehen hatte.

Über Stücke von Pina Bausch zu schreiben, ist nicht einfach. Man muss sich treiben lassen können. Das lernen Journalisten nicht automatisch.

„Iphigenie auf Tauris“ mit dem unvorstellbaren Lutz Förster als Troas, ein anderes Stück (welches mag es gewesen sein?), wo eine Tänzerin (wer war sie?) auf der Bühne allein ist mit dem bluesig-jazzigen Song „Some day he’ll come along the man I love. And he’ll be big and strong the man I love ...“ Das kann ich nie vergessen. Erde auf der Bühne, Wasser, ein Blütenmeer, ein Kirschblütenregen, Stühle, Stühle, immer wieder Stühle, Männer und Frauen, die sich nähern und entfernen, die unvorstellbar millimetergenaue Präzision von Dominique Mercy, als er schon über 60 war, die unauffällige Akrobatik und fokussierte Kraft all der Männer und Frauen immer und immer wieder, Nazareth Panadero und ihre Spaghetti-Szene mit dem so typischen messerscharfen „s“, wenn Spanier deutsch sprechen, immer wieder Mechthild Grossmann, von der man nie genug bekommen konnte und kann, so viele Erzählungen aus den Tiefen der Seelen der Tänzer („und dann hat die Pina gesagt, wir sollen erzählen ...“) mit so vielen Akzenten aus allen Teilen der Welt, all diese Tango-, Blues-, Jazz- und Klassikmusik, bei der ich mich immer gefragt habe, wo jemand diese Lieder findet – und „Wie das Moos auf dem Stein“, Pinas letztes Stück, das mir mit seiner Schönheit das Herz gebrochen hat. Endlos weitergehen könnte diese Aufzählung.

Viele der Menschen, die ich kenne, waren noch nie in einem Pina-Bausch-Stück. Oft sagen sie, das verstehe man ja alles nicht. Muss man denn alles verstehen? Wer etwas kennt von Liebe und Leid, von Glück und Traurigkeit, von Lachen und Weinen, der wird ihn erleben, den Moment, auf den ich immer warte, wenn einem dieser Schauer über den Rücken läuft – und du dir sagst, mein Gott, ist das wunderbar.

Das muss man nicht verstehen. Man muss sie einfach nur sehen, diese Kraft der Bilder. Damit da jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin keiner von diesen Kulturfuzzis, die es unter Goethe & Co. nicht machen und die Nase rümpfen, wenn kein Stempel „Hohe Kultur“ darauf prangt. Ich mag starke Fußballspiele, bei denen es um etwas geht, drücke unserem WSV und unserem BHC immer fest die Daumen.

Und man muss so ehrlich sein, dass es Pina-Stücke gibt, die weniger gut sind oder die einen einfach nicht erreichen. Mein zweites Mal „Bandoneon“ zum Beispiel: Das war mir dann doch zu schwermütig, einfach zu viel trauriger Tango. Trotzdem ist eins unvergleichbar: Dreieinhalb Stunden Pina Bausch – und am Ende dauert es nur wenige Minuten, bis das Ganze (immer bis unters Dach ausverkaufte) Opernhaus stehend applaudiert. Zehn Minuten mindestens, oft auch länger.

Obwohl Pina Bausch tot ist, geht all das weiter. Ihre Tänzerinnen und Tänzer, die alten und die jungen, halten das lebendig, entwickeln es weiter. So ist das mit großer Kunst: Sie wird nie alt, sie hört nie auf.

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